Symposium 2011 – Ausgewachsen? – Wachstum im Zeichen der Nachhaltigkeit

Vortrag: Die W(i)ege des Wachstums

Die Welt sähe heute anders aus, wäre die wirtschaftliche Entwicklung einiger Staaten anders verlaufen. Die großen Spieler der globalen Wirtschaft zeichnen sich durch ihren wirtschaftlichen Vorsprung gegenüber anderen Staates aus. Aber wo kommt dieser Vorsprung her?

Jeffrey Sachs schrieb einst sinngemäß, dass schon kleine Differenzen im jährlichen Wachstum über einen langen Zeitraum hinweg betrachtet zu enormen Lücken zwischen einzelnen Ländern führen können. Wie konnten sich diese Wachstumstrends in einigen Staaten manifestieren, während andere Staaten auf der Strecke blieben? Waren es system- und regionsspezifische Faktoren oder vielmehr Glück und Zufall, die über die wirtschaftliche Entwicklung eines Staates entschieden?

Ein möglicher Anhaltspunkt für die unterschiedlichen Wachstumsdynamiken ist das Verhältnis von Lohn- zu Kapital- und Energiekosten. Wenn die Lohnkosten in einem Land wesentlich höher als die Kapital- und Energiekosten sind, entsteht ein Anreiz, humane Arbeitskraft mit entsprechender Technologie zu ersetzen. Aber kann dieses Faktum auch andauernde höhere Wachstumsraten hervorrufen oder gar endogenes Wachstum auslösen?

Prof. Dr. Nikolaus Wolf in einem Vortrag über „globale Ungleichgewichte“ und wie sie das Bild der wirtschaftlichen Realität von heute prägten.

 

Podium: Endlich Wachstum?!

Wirtschaftswachstum gilt in der heutigen Zeit gemeinhin als Voraussetzung für Wohlstand und annähernde Vollbeschäftigung. Wenn es um die Beurteilung der wirtschaftlichen Situation einer Volkswirtschaft geht, ist Wirtschaftswachstum in Verbindung mit dem Bruttoinlandsprodukt der entscheidende Indikator und die übergeordnete wirtschaftspolitische Zielsetzung einer jeden Regierung. In Deutschland ist letztere sogar nach dem Stabilitäts- und Wachstumsgesetz aus dem Jahre 1967 durch das Grundgesetz hierzu verpflichtet.
Doch ist Wirtschaftswachstum wirklich notwendig? Und ist endloses Wachstum überhaupt möglich? In der Natur ist Wachstum endlich und auch heutzutage sind in den hochentwickelten Industrienationen bei weitem nicht mehr die hohen Wachstumsraten zu erkennen, wie sie noch in den ersten Jahrzehnten nach Ende des zweiten Weltkrieges zu einer beispiellosen wirtschaftlichen Entwicklung geführt hatten.
Eine Tendenz, die John Maynard Keynes bereits 1943 prognostizierte, welcher langfristig von einer endogenen Wachstumsschwäche ausging. Zuvor prophezeite er jedoch 1929 optimistisch, dass der Kapitalismus an der Überwindung des Menschheitsproblems der Knappheit von Gütern und Ressourcen arbeite und dieses im Jahr 2030 so gut wie behoben sei. Auch der Club of Rome kam 1972 zu dem Ergebnis, dass die absoluten Wachstumsgrenzen schon im aktuellen Jahrhundert erreicht werden könnten.
Die Weltfinanz- und Wirtschaftskrise sowie der Klimawandel haben diesen Fragen neuen Auftrieb gegeben, sodass die alte Wachstumslogik in den letzten Jahren zunehmend in Frage gestellt wurde. Darüber hinaus scheinen nicht mehr alle Gesellschaftsmitglieder vom Wirtschaftswachstum zu profitieren, was an sinkenden bzw. stagnierenden Reallöhnen sowie zunehmenden Vermögens- und Einkommensunterschieden abgelesen werden kann.
Aber können wir es uns überhaupt leisten, auf Wachstum zu verzichten, um unseren Wohlstand zu sichern, oder gibt es Alternativen? Welche Aussichten ergeben sich hieraus für eine Gesellschaft, die angesichts des demographischen Wandels und defizitärer Staatshaushalte vor einer Vielzahl großer Herausforderungen steht?

 

Podium: Afrikas große Aufholjagd

In der Nachkriegszeit haben ehemalige Entwicklungsländer in Asien und Südamerika enorme Wachstumsraten verzeichnen können. Einzig ein Kontinent konnte sich dem Wohlstandsniveau der restlichen Welt nicht annähern: Afrika.

In den letzten 50 Jahren waren immer wieder Perioden viel versprechenden Wachstums zu beobachten Doch auf Grund des Kalten Krieges, Afrikanischer Misswirtschaft und verfehlter Entwicklungspolitik konnten die reichlich vorhandenen Bodenschätze und Rohstoffe nicht effizient genutzt werden.

Die neusten Entwicklungen zeigen erneut einen starken Wirtschaftsboom in Afrika auf, welcher Wirtschaftsanalytiker auf der ganzen Welt überrascht. Zu den zehn am schnellsten wachsenden Ländern der letzten zwei Jahrzehnte zählen sechs Afrikanische Staaten. Viele Ökonomen sind der Ansicht, dass das kumulierte Wirtschaftswachstum der afrikanischen Länder in den nächsten zehn Jahren das von Asien überholen wird.

Auf der anderen Seite ist das Wachstum wie auch in vergangenen Perioden zum Teil auf gestiegene Rohstoffpreise zurückzuführen. Welche Auswirkungen würden wieder sinkende Rohstoffpreise mit sich ziehen? Gleichzeitig weisen Wissenschaftler darauf hin, dass dieses Mal politische Reformen und erhöhte politische Stabilität das Wachstum vorangetrieben haben, was dem Wachstum mehr Substanz verleiht. Ein weiterer Aspekt ist, dass China sich immer stärker im Kontinent wirtschaftlich beteiligt. Der Handel zwischen China und afrikanischen Ländern hat sich in den letzten acht Jahren verzehnfacht, so dass China Afrikas wichtigster Handelspartner wurde.

Das Podium über Wirtschaftswachstum in Afrika wird darauf gerichtet sein, folgende zentralen Fragen zu beantworten: Stehen wir an der Schwelle zum “Afrikanischen Jahrzehnt”? Wo liegen mögliche Grenzen und Gefahren des aktuellen Booms? Handelt es sich dieses Mal um beständiges Wachstum und, wenn ja, inwiefern kann es den Wohlstand signifikant verbessern? Wird der Aufschwung in der Breite zu spüren sein oder nur einen Teil der Bevölkerung begünstigen? Welche Rolle wird Afrika zukünftig für die Weltwirtschaft spielen?

 

Podium: Ökonomie – die Schmiede des Glücks?

Die Frage nach dem, was uns glücklich macht, ist so alt wie der Mensch selbst. Wenn sich auch die Vorstellungen davon, was uns Glück bringt, stark unterscheiden, so ist man sich weitgehend einig darüber, dass der Zustand erstrebenswert ist.

In den letzten Jahren haben sich vermehrt Ökonomen einem neuen Trend geöffnet: der Glücksforschung. Hierbei handelt es sich um die Wissenschaft, die sich mit der Maximierung des Glücks beschäftigt.
Weg von der Idee des „homo oeconomicus, hin zu einer Gesellschaft von Glückskonsumenten. Dieser Vorstellung schlossen sich in den vergangenen Jahren zahlreiche Anhänger an, vor allem seitdem dem es mit der modernen Hirnforschung objektive Möglichkeiten zu geben scheint, Glück zu messen.
Zwar genießt die Glücksforschung zunehmende Beliebtheit bei Ökonomen und Politikern, dennoch melden sich auch Kritiker zu Wort, die diesem neuen Trend mit Skepsis begegnen. So wird häufig die Messbarkeit sowie die dabei vorausgesetzte Notwendigkeit des Glücks angezweifelt.
Vom „Glückspaternalismus“ ist gar die Rede.
Handelt es sich bei der Glücksökonomie um eine Modeerscheinung?
Fakt ist, dass die Glücksökonomie auch zunehmend die politischen Leitziele beeinflusst.
So fokussierte sich das Bestreben vieler Volkswirtschaften bisher oft auf das Wirtschaftswachstum, wobei mehr Wirtschaftswachstum mit einem erhöhten Lebensstandard verbunden wurde. Doch bedeutet mehr auch besser? Welchen Einfluss hat das Wirtschaftswachstum wirklich auf die Zufriedenheit der Menschen oder anders gefragt, macht weniger Wirtschaftswachstum unglücklich? Die Lebensqualität scheint heut zu Tage vor der Wertschöpfung mehr und mehr in den Vordergrund zu rücken. Dies könnte ein neues Bewusstsein für die Ziele der Ökonomie herbeiführen und somit auch das BIP als Leitindex hinterfragen. So rückt die Diskussion, einen Maßstab zu entwerfen, der eine wirtschaftliche Entwicklung misst, die wirklich den Menschen dient, immer mehr in den Fokus. So schrieb Joseph Stiglitz einst: «Was wir messen, beeinflusst, was wir tun.».

 

Podium: Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit – ein Widerspruch?

„Eine Entwicklung ist nachhaltig, wenn sie heutige Bedürfnisse befriedigt, ohne dadurch zu riskieren, dass zukünftige Generationen dieser Möglichkeit beraubt werden.“ So wurde Nachhaltigkeit im Brundtland-Bericht von 1987 definiert. Mit anderen Worten heißt das, heutiges Wachstum darf nicht die Lebensgrundlage und Wachstumschancen der Zukunft gefährden.

Angesichts der Ressourcenknappheit, abzulesen unter anderem an den Rekordpreisen für Kupfer, Seltene Erden oder auch Rohöl und der Problematik der globalen Klimaerwärmung, stellt sich die Frage, wie nachhaltig unsere Wirtschaft arbeitet. Nimmt man den Ecological Debt Day als Nachhaltigkeitsindikator, der angibt, ab welchem Tag im Kalenderjahr mehr Ressourcen verbraucht werden als die Erde innerhalb eines Jahres bereitstellen kann, muss man zu dem Schluss kommen, dass wir auf ökologischer Ebene über unseren Verhältnissen leben. Im Laufe der letzten 23 Jahre ist dieser vom 19. Dezember bereits auf den 21. August vorgerückt. Das rasante Wachstum der bevölkerungsreichsten Länder der Erde lässt erahnen, was diese Entwicklung bewirken wird.
Dies alles führt uns zu der Frage, ob es überhaupt möglich ist, nachhaltig zu wachsen. Schließen sich Nachhaltigkeit und Wirtschaftswachstum sogar aus, sodass eine „Schrumpfkur“ der Wirtschaft notwendig ist? Stoßen wir, wenn wir so weiter machen, unweigerlich an die vom Club of Rome vorhergesagten „Grenzen des Wachstums“ oder können wir durch die Förderung von technologischem Fortschritt und Politik unsere Produktion vom Verbrauch der Natur abkoppeln und könnte somit Wirtschaftswachstum wirklich nachhaltig werden?