Symposium 2004 – Besser ändern! Der Einfluss von Macht und Wissen auf Veränderungsprozesse

Besser ändern! Der Einfluss von Macht und Wissen auf Veränderungsprozesse 

Ein komplizierter Titel schmückt das diesjäh- rige Symposium des Humboldt-Forums Wirt- schaft. »Ändern«, »Macht« und »Wissen« be- rühren sich auf engstem Raum und erö≠nen mannigfaltige Assoziationsmöglichkeiten.

Worum geht es?

Denkt man – im Kantjahr sei’s verziehen – über die Bedingungen der Möglichkeit der Verände- rung nach, dann sieht man schnell, dass man schnell nicht weiter kommt. In einer ersten An- näherung an den Begri≠ »Veränderung« ist zu erkennen, dass der Begri≠ »Wissen« ebenso be- nötigt wird wie »Macht«, um Veränderung zu konzeptionalisieren.

Voraussetzungen für Veränderungen

Wissen ist nötig, um auf eine Veränderung zu reagieren. Man kann eine »Veränderung« der – sei es inner- oder außergesellschaftlichen – Um- welt nur dann feststellen, wenn man über die Mittel verfügt, Kontinuitäten und Abweichun- gen über die Zeit zu begreifen. Ansonsten könn- te eine Veränderung weder beobachtet noch be- schrieben werden.

Auch um aktiv zu ändern, benötigt man Wissen. Man muss wissen, welche Handlungs- optionen zur Verfügung stehen und wie man sie umsetzen kann. Wissen über die eigenen Möglichkeiten und Informationen über den zu ändernden Gegenstand sind die Grundlage je- der Entscheidung. Erst Wissen über sich und die Welt lässt Gegenstände und Möglichkeiten her- vortreten.

Schaffung und Beschränkung von Möglichkeiten

Diese Möglichkeiten werden von Machtstruk- turen determiniert. Um eine Änderung durch- zuführen, muss man in der Lage sein, Maß- nahmen zu ergreifen, Optionen zu selektieren. Machtstrukturen können diese Möglichkeiten ebenso hervorbringen wie einschränken. Ver- änderungen können ebenso verhindert wie in Gang gebracht werden.

Der Kreis schließt sich: Macht wirkt auf Wissen

Wissen und Unwissen sind ihrerseits wiederum Machtfaktoren. Wer über Informationen ver- fügt, verbessert seine Möglichkeiten, erhöht die Anzahl der zur Verfügung stehenden Optionen und kann so flexibler und e≠ektiver handeln oder reagieren. Das stärkt die Machtposition und weitet den Einfluss der eigenen Entschei- dungen aus.

Wer über Macht verfügt, kann Form und Ver- breitung von Wissens bestimmen. Man muss nicht gleich an die Katholische Kirche denken, um zu sehen, wie eine Wissenspolitik zur Siche- rung des Status quo, zum Machterhalt genutzt wurde – ein Blick in die Welt von Nordamerika bis Nordkorea sollte reichen, um zu erkennen, wie mit Information Machtpolitik betrieben wird.

Aber nicht genug damit, dass Macht Wissen einschränkt: Macht konstituiert auch Wissen. Erst die diskursive Verfassung von Wissen, die Koordination der Praktiken und der Abbau von Kontingenz lassen Wissen als Wissen entstehen. (Da wir weder ein Foucault-Seminar noch einen Kongress über Wissenssoziologie veranstalten, sollte dieser Zusammenhang hiermit ausrei- chend behandelt sein.)

Das Symposium

Die drei Säulen des diesjährigen Symposiums werden sich mit verschiedenen Aspekten dieser Problematik beschäftigen.
• Säule 1 diskutiert die Implikationen, die sich

aus der Krise des Bildungssystems und der

Printmedien ergeben.
• Säule 2 hat Entscheidungsprozesse in Unter-

nehmen und Handlungsmotivationen auf

globaler Ebene zum Thema.
• Säule 3 beschäftigt sich mit Veränderungen

in der ökonomischen Theorie.

Trotz der Verschiedenheit der einzelnen Fra- gestellungen wir die Einheit klar: Es geht um den Zusammenhang zwischen Veränderung, Wissen und Macht, wobei jeweils ein anderer Aspekt beleuchtet wird. 

 

Themen

1. Säule: Die Zukunft des Wissens – Veränderungsprozesse in Bildung und Information 

Technologischer Fortschritt, gestiegener Wohl- stand und die damit einhergehenden Verän- derungen unseres Alltags haben in den letzten Jahrzehnten zu einem Strukturwandel in unse- rer Gesellschaft geführt. Dieser Wandel ist dabei vor allem von Wissen und Information geprägt: Deren Aufnahme, Verarbeitung und Verbrei- tung spielen bei den Veränderungen eine maß- gebliche Rolle.

Zur Beschreibung dieses Phänomens be- dienen wir uns oft des Begri≠s der Wissensge- sellschaft und meinen damit eine Gesellschaft, in der die traditionellen Produktivkräfte Ar- beit und Kapital an Bedeutung verlieren, wäh- rend Wissen zu einem immer wichtigeren Fak- tor wird.

Wissen als Ware?

Wissen kann eine Ware sein, mit der sich Gewin- ne erzielen lassen – vor allem, wenn ein Infor- mationsvorsprung gegenüber anderen möglich ist. So kann Fachwissen, das durch Investition in Forschung und Entwicklung entsteht, zu Wett- bewerbsvorteilen führen. Doch das Wissen dient nicht nur als interner Produktionsfaktor, son- dern trägt auch außerhalb des einzelnen Unter- nehmens zu ökonomischem Fortschritt sowie zur kulturellen und geistigen Entwicklung der Gesellschaft bei.

Auf einen anderen Bereich, in dem Infor- mation als Ware betrachtet werden kann, soll in der ersten Podiumsdiskussion eingegangen werden: Der Zeitungssektor ist ein Markt, auf dem Informationen als Gut gehandelt werden. Doch die Schöpfung und Verbreitung von In- formation und Wissen durch Journalisten ist zugleich essentiell für das Funktionieren einer Demokratie.

Zentral wird die Frage sein, ob in der gegen- wärtigen Situation – einerseits unter finanziel- lem Druck und andererseits unter dem Druck

der immer stärker werdenden Info- und En- tertainment-Industrie – die klassischen Tages- zeitungen noch ihre gesellschaftspolitische Rolle einnehmen können, wollen und sollen.

Wissen als Wert?

Wie problematisch es sein kann, Wissen zu ei- ner Ware zu reduzieren, zeigen die derzeitigen Veränderungen im Bereich der Hochschulen. Auch hier halten betriebswirtschaftliche Ansät- ze Einzug und führen zur Verhärtung der Fron- ten zwischen denen, die Wissenschaft als Selbst- zweck betrachten, und denen, die sie nach ihrer

– ökonomischen oder gesellschaftlichen – Rele- vanz bewerten.

Universitäten kommt in der Wissensgesell- schaft eine besondere Rolle zu. Sie generie-
ren nicht nur beständig neues Wissen, sondern verwandeln es auch in Humankapital. Im Fall der Hochschulbildung lässt sich Anwendungs- wissen als Element der Wertschöpfungskette kaum von intellektueller Selbstbildung trennen. Doch in diesem Kontext wird schnell die Frage nach den ö≠entlichen und privaten Anteilen der Bildungsinvestitionen gestellt. So verändert sich der Charakter von Hochschulbildung und das Zusammenspiel zwischen Universitäten, Fach- hochschulen und anderen gesellschaftlichen Akteuren durch die zentralere Bedeutung von Wissen für den Wohlstand.

Anspruch und Wirklichkeit

Die realen Entwicklungen in den beiden Be- reichen Printmedien und Hochschulbildung sowie die sich daraus ergebenden Perspektiven und Ansatzpunkte zu aktiver Verbesserung sol- len im Rahmen der beiden Podiumsdiskussio- nen dieser Säule näher beleuchtet werden. Bei- de Podien setzen sich mit der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit auseinander. 

 

2. Säule: Governance – Veränderungsprozesse im Interessenspiel der globalisierten Wirtschaft 

Die Wirtschafts- und Lebensweise der Indus- triegesellschaften führt zu schweren Belastun- gen von Umwelt und Klima. Sie führt außerdem nicht nur zu sozialen Spannungen zwischen Nord und Süd, sondern zunehmend auch zu einer Kluft zwischen Arm und Reich innerhalb der entwickelten Volkswirtschaften. Der durch die Globalisierung wachsende Wettbewerbs- druck verschärft diese Probleme und stellt un- sere Generation vor neue Herausforderungen. Die notwendigen Veränderungen auf dem Weg zu einem »nachhaltigen Wirtschaften« erfor- dern internationale Lösungen unter Einbezie- hung aller Akteure. Auf einem globalen Markt sind nationale oder kontinentale Lösungen we- nig aussichtsreich.

Governance beschreibt einen Ansatz, der seit einigen Jahren in gesellschafts- und wirtschafts- politischen Diskussionen hohe Konjunktur hat. Als mögliche Antwort auf die Herausforderun- gen des weltweiten wirtschaftlichen Zusam- menwachsens verknüpfen sich damit große Ho≠nungen, neue Wege zur Gestaltung der Glo- balisierung aufzeigen zu können.

Der Begri≠ Governance kommt ursprüng- lich aus dem Griechischen. Das Wort κυβερνάπ (kybernáo) bezeichnete die Steuerung eines Wa- gens oder Schi≠es und entwickelte sich über das lateinische gubernare und das französische gouvernance (13. Jh.) zum heutigen governance. Zuerst wurde dieser Begri≠ in Kreisen der UN und der Weltbank verwendet und steht seitdem für Steuerung im Sinne von Einflussnahme.

Global und Corporate Governance

Bei der Diskussion um Governance sind zwei Be- trachtungsweisen hervorzuheben:

1. Global Governance beschäftigt sich mit der Beschreibung von Beziehungen zwischen den globalen Akteuren, den Regierungen der Natio- nalstaaten, den Vereinten Nationen sowie welt- weit agierenden Unternehmen und Nichtre- gierungsorganisationen (NGOs). Global Gover- nance entwickelt damit ein neues Steuerungs- verständnis, das sich von dem des traditionellen Nationalstaates absetzt.

2. Corporate Governance hingegen beschreibt die Perspektive von Unternehmen. Der Begri≠ wird häufig in Debatten um firmeninterne Ver- waltungsstrukturen und Vorstandsvergütung verwendet. Der eigentliche Fokus von Corporate Governance ist jedoch, wie Unternehmen auf ihr wirtschaftliches und gesellschaftliches Um- feld einwirken.

Akteure und Handlungsebenen

Um den Herausforderungen der Globalisierung begegnen zu können, müssen verschiedene Ak- teure und Handlungsebenen betrachtet werden:

Täglich erreichen uns Schlagzeilen über Lohn- kürzungen und die Verlagerung von Produkti- onsstätten ins Ausland. Können Unternehmen nur passiv auf Veränderungen des Marktes re- agieren oder trotz Wettbewerbsdrucks ihr Um- feld aktiv mitgestalten?

Die höhere Konkurrenz und der enorme Kos- tendruck in einer globalisierten Wirtschaft ha- ben den Gestaltungsspielraum für Großun- ternehmen, Umwelt- und Sozialstandards

zu implementieren, verringert. Gesetzliche Mindeststandards und Auflagen werden als Standortnachteil empfunden. In einigen Bran- chen kommt es im Zuge der Produktionsver- lagerung in Schwellen- und Entwicklungslän- der sogar zu eklatanten Menschenrechtsverlet- zungen.

Dass hier Handlungsbedarf besteht, zeigen nicht nur die jährlichen Debatten auf dem Welt- wirtschaftsforum in Davos. Die Lösungsansät- ze variieren dabei zwischen liberalen Positionen einer Minimierung der gesetzlichen Rahmen- bedingungen und Ideen einer freien Marktwirt- schaft innerhalb politisch gesetzter Grenzen.

Ansätze in der Praxis

In der Praxis haben mittlerweile unterneh- mensgeführte Systeme der Corporate Social Re- sponsibility (CSR) an Bedeutung gewonnen. CSR bezeichnet Unternehmensleitbilder, in denen Ansprüche an die Sozial- und Umweltverträg- lichkeit formuliert werden.

Der Global Compact ist ein weiteres Beispiel praktizierter Governance-Formen. Internatio- nal agierende Unternehmen verpflichten sich in dieser Initiative der UN, Menschen- und Ar- beitsrechte einzuhalten und den Umweltschutz zu fördern. Im Dialog will die UN die Beteiligten zum Nachdenken über ihr Verhalten anregen.

Auch die Nationalstaaten werden durch die Globalisierung der Wirtschaft vor Herausfor- derungen gestellt, die sie auf nationaler Ebene kaum bewältigen können. Bleibt den Regierun- gen nur die Rolle des hilflosen Zuschauers oder gibt es Möglichkeiten der Einflussnahme auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen?

Bis jetzt haben es die Regierungen nicht ver- mocht, langfristige Konzepte zu entwickeln. Die Notwendigkeit für einheitliche »Wettbewerbs- regeln« zwingt die Regierungen im Streben nach international verbindlichen Rahmen und Standards an den Verhandlungstisch.

Notwendigkeit internationaler Institutionen

Doch bislang fehlen internationale Institutio- nen, die diese Herausforderungen bewältigen könnten. Die G8 umfasst lediglich die reichen Länder, die Vereinten Nationen bleiben schwach. Die Welthandelsorganisation (WTO) bietet mit- tels durchsetzbarer Verträge zwischen ihren Mitgliedern einen Ansatz, Wettbewerbsregeln

zu formulieren. Doch spätestens seit dem Schei- tern der Verhandlungen von Cancun 2003 sind die Grenzen der WTO deutlich geworden. Dass kurzfristige nationale Interessen ausschlagge- bend sein können, zeigt trotz zunehmender Bri- sanz des Klimawandels auch das Ringen um die Inkraftsetzung des Kyoto-Protokolls.

Hier wird deutlich, dass den globalen Her- ausforderungen auch abseits der traditionellen politischen Ebene begegnet werden muss. Die Akteure der so genannten Zivilgesellschaft spie- len bei der Entwicklung von wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Praktiken eine im- mer wichtigere Rolle. Teile der sich entwickeln- den globalen Informationsgesellschaft versu- chen, über eine Vielzahl von nichtstaatlichen Organisationen an den Gestaltungsprozessen

zu partizipieren – bisher mit wechselhaftem Er- folg. Ihr Einfluss ist vielmehr im Bereich markt- wirtschaftlicher Instrumente zu finden: Durch das Internet werden Informationen über frag- würdige Aktivitäten der Unternehmen verbrei- tet und damit der Konsum gesteuert – wie es beispielsweise in der Kampagne gegen Shell Mitte der 90er Jahre gelang.

Neben dem Konsumboykott gibt es auch Bei- spiele für die Zusammenarbeit von Unterneh- men und gesellschaftlichen Gruppen wie etwa die Scha≠ung von Gütesiegeln. Dies hat in Tei- len der Industrie einen positiven Wettbewerb um ein »sauberes« Image in Gang gesetzt. So steht mittlerweile bei Shell die Rücksichtnahme auf soziale und ökologische Belange hoch auf der Agenda. Auch auf den Finanzmärkten wach- sen die Volumina von Investitionen in »nach- haltig wirtschaftende« Unternehmen, die sich in Fonds oder Indizes, wie etwa dem »Dow Jones Sustainability Index«, finden lassen.

Die tatsächliche Umsetzung von »Corpo- rate Social Responsibility« und ökologisch aus- gerichtetem Management ist allerdings noch nicht ausgereift. Von Unternehmen bezahlte Ra- ting-Agenturen bergen die Gefahr der Unglaub- würdigkeit genauso wie »Vorzeigeprojekte«, hinter denen Verletzungen von Umwelt- und Sozialstandards kaschiert werden. Nötig sind Transparenz und Monitoring-Systeme, die von Unternehmen unterstützt und von Gesellschaft und Staat eingefordert werden.

Unüberbrückbare Interessensgegensätze

Die Möglichkeiten zur Gestaltung des Wettbe- werbes in der heutigen hoch komplexen und heterogenen Welt sind vielfältig. Die einzelnen Akteure stehen sich dabei anscheinend mit un- vereinbaren Interessen gegenüber – seien es na- tionale Machtinteressen, wirtschaftliche Ziele oder gesellschaftliche Vorstellungen. Wie groß sind die Chancen, tatsächliche Veränderungen herbeizuführen? Lassen die nationalstaatlichen Machtstrukturen und ökonomischen Interessen der Unternehmen dies zu? Wie können die dar- gestellten Ansätze umgesetzt werden? 

 

3. Säule: Weiter denken – Veränderungsprozesse in der Ökonomik 

»Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber so viel kann ich sagen, es muss anders werden, wenn es gut werden soll.«

—Georg Christoph Lichtenberg, Physiker

Veränderungsprozesse sind schwer planbar und fast unmöglich zu steuern. Trotzdem set- zen sich bestimmte Reformen durch, während andere Neuerungen nicht angenommen wer- den und schnell wieder in der Versenkung ver- schwinden. Wer also kann einen Anstoß zu er- folgreichen Veränderungsprozessen geben und wodurch wird andererseits die Verbreitung be- stimmter guter und wichtiger Ansätze verhin- dert?

Anstöße zu Veränderungsprozessen gibt es in allen sozialen Schichten, in sämtlichen Kul- turen und in jeder noch so kleinen sozialen Ein- heit. Sie können verpu≠en, versickern, sich als unnötig erweisen und schnell uninteressant werden. Oder sie können Fuß fassen, sich ver- breiten, genährt werden, leidenschaftliche Züge annehmen und nach und nach immer mehr Menschen begeistern und mitreißen.

Ökonomie und Politik in Reformprozessen

Glaubt man Francis Bacons zum Mythos ge- wordener Aussage »Wissen ist Macht«, sollte man vermuten können, dass sich die Verhältnis- se durch Wissen ändern lassen. Betrachtet man die Schnittstelle von Wissenschaft und Politik, stellt man fest, dass trotz der täglich neuen Vor- schläge von Ökonomen kaum eine Reform in Angri≠ genommen wird. Warum findet das Wis- sen der Ökonomen so selten den Weg in die Zen- tren der Macht?

Erkenntnis- oder Umsetzungsproblematik?

Dafür könnten die Ökonomen selbst verant- wortlich sein, findet man doch für fast jedes Problem eine Vielzahl von sich widersprechen- den Lösungen. Das Scheitern von Reformpro- zessen würde in diesem Fall durch ein Erkennt- nisproblem der Wissenschaftler hervorgerufen.

Auf der anderen Seite könnte eine Umset- zungsproblematik dazu führen, dass Verände- rungsprozesse unterbrochen werden. Politiker sind darauf angewiesen, dass sich kurzfristige Folgen von Reformen nicht negativ auf die Wäh- lergunst auswirken. Dies verhindert oft die Um- setzung langfristig sinnvoller Überlegungen, durch die einzelne Wählergruppen oder sogar große Teile der Gesellschaft kurzfristig schlech- ter gestellt würden.

Doch nicht nur in der Praxis, sondern auch in der ökonomischen Theorie setzen sich nicht ohne weiteres sinnvolle Neuerungen durch. Hier stellt sich ebenso die Frage, wann sich neue Ansätze behaupten und woran es liegt, wenn sie nicht angenommen werden.

Der Wert von Werten für wirtschaftliche Akteure

Die Vielzahl an Denkschulen in der ökonomi- schen Theorie zeigt die ständige Weiterentwick- lung und Notwendigkeit von Veränderungspro- zessen in diesem Bereich. Ökonomische Model- le sind keineswegs unabhängig von den gesell- schaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen, sondern durchlaufen über Jahrzehnte tief grei- fende Veränderungen.

Die Neoklassik als momentan dominieren- de Denkschule in der ökonomischen Theorie beschreibt den »Homo oeconomicus« als eine ihrer wichtigsten Voraussetzungen – eine An- nahme, nach welcher dem Individuum die Ma- ximierung des eigenen Nutzens sowie rationa- les Verhalten unterstellt wird. Doch zahlreiche Ergebnisse der ökonomischen Forschung der letzten Jahre stellen dieses Menschenbild in Fra- ge und zeigen, dass menschliches Verhalten durch beschränkte Rationalität, kulturelle Ein- flüsse und soziale Normen geprägt ist.

Experimentalökonomik, Psychologie und Evolutionsökonomik

Halten also Modelle unbeschränkt rationa-
len Verhaltens der beobachtbaren Wirklichkeit stand? Die Forschungen zu sozialen Normen, In- stitutionen und der Verhaltenspsychologie fordern die neoklassische Theorie in der Beschrei- bung von Handlungsmustern ökonomischer Akteure heraus. Allerdings sind ökonomische Modelle berechtigterweise eine Vereinfachung der Wirklichkeit und werden komplexer, je mehr Variablen berücksichtigt werden müssen. Wo liegen also die Grenzen der Modellierbar- keit menschlichen Handelns in der Ökonomik? Und bis zu welchem Grad ist die Abbildung in-

dividuellen Verhaltens in ökonomischen Model- len überhaupt sinnvoll?

Vieles muss sich ändern …

Vieles muss also anders werden, wenn es gut werden soll. Aber ob es wirklich besser wird? Vielleicht sind wir der Antwort auf diese Frage nach den Podien einen Schritt näher.