Symposium 2003 – Über morgen. Zeithorizonte in Unternehmen, Politik und ökonomischer Theorie

Über morgen Zeithorizonte in Unternehmen, Politik und ökonomischer Theorie 

“In the long run we are all dead.”
John M. Keynes, A Tract on Monetary Reform, 1924

Unter Zeithorizont kann man den Rahmen verste- hen, in dem bei jeder Handlung die Wahl des Ziels und die zu dessen Erreichung zur Verfügung stehen- den Mittel ins Verhältnis zueinander gesetzt werden. Fasst man Pläne für die nächsten 20 Jahre, kommen ganz andere mögliche Ziele ins Blickfeld und da- durch andere Mittel zu deren Realisierung als bei Plänen, die einen Zeitraum von vier Jahren (oder von nur einem Quartal) in Betracht ziehen. Gleich- zeitig bleiben mögliche Auswirkungen von Mitteln, die zur Verwirklichung kurzfristiger Ziele eingesetzt werden, hinter dem jeweiligen Zeithorizont verbor- gen. Zwischen kurzfristigem Reagieren und lang- fristigem Agieren liegen eine Vielzahl von Handlungsmöglichkeiten, der Zeithorizont kann hier als Relation von Flexibilität zu Nachhaltigkeit gesehen werden.

Wie entstehen Zeithorizonte, von welchen Erwartun- gen werden sie geprägt und welche Zeitstrukturen liegen ihnen zugrunde? Was bedeutet es, in zeit- lichen Dimensionen zu denken, zu entscheiden? Welche Möglichkeiten und Gefahren liegen in den verschiedenen Denkansätzen?

Wir werden uns in drei thematischen Säulen diesen Fragen in den Kontexten von Unternehmen, Politik und ökonomischer Theorie annähern und Probleme und Lösungsmöglichkeiten diskutieren. 

Säule 1: Zeitstrukturen und Zeithorizonte in der Arbeitswelt

Die Lebensumstände in der modernen Gesellschaft werden nicht länger von Werten, traditionellen For- men des Zusammenlebens – etwa Ehe und Kleinfa- milie – oder Institutionen bestimmt. Von Lebensbe- reich zu Lebensbereich ändern sich die bestimmen- den Faktoren und verlangen nach kontinuierlicher Anpassung, während sie selbst auch stetem Wech- sel unterworfen sind. Die Anforderungen, die die ausdifferenzierte, komplexe Gesellschaft an das Individuum, die Wirtschaft und die Politik stellt, wer- fen die Frage auf, inwieweit Beschäftigungspolitiken Erfolg haben können und wie tauglich die traditionel- len Konzepte von Erwerbsarbeit, Ausbildung und sozialer Sicherheit sind.

Säule 2: Anreize zu langfristigem Denken in Unternehmen und Politik

Kurzfristige Strategien dominieren langfristige; ob- wohl langfristige Strategien oft effizienter und sinn- voller sind. Welche Möglichkeiten bestehen, Anreize für nachhaltige Strategien zu setzen, angesichts eines Wirtschafts- und Politiksystems, in dem Erfolg nur am nächsten Quartalsende oder Wahltag gemes- sen wird? Wie lassen sich internationale Standards für nachhaltiges Wirtschaften etablieren, wenn alle beteiligten Staaten intern von Eigeninteressen und kurzfristigen Strategien gelenkt werden? 

Säule 3: Zeitbegriffe und Zeithorizonte in der ökonomischen Theorie

Welches Konzept von Zeit liegt der ökonomischen Theorie zu Grunde? Kann mit einem reversiblen, mathematischen Zeitbegriff – wie er in der Ökonomik verwendet wird – ein gesellschaftliches Subsystem wie die Wirtschaft, das ein Gedächtnis und eine Ge- schichte hat, adäquat beschrieben werden? Kann man aus einer solchen Theorie gar normative For- derungen ableiten? Kann die Forderung der ökono- mischen Theorie nach quantitativem Wachstum im Hinblick auf kontrafaktische Prämissen – wie der Unendlichkeit des Zeithorizonts und der Unerschöpf- barkeit der Ressourcen – gehalten werden? 

 

Themen

1.1. Podium: Flexible Betriebsorganisation und individuelle Lebensplanung

Die gleichzeitige Planung des individuellen langfristi- gen Lebensverlaufs und der Alltagsorganisation hat sich mit dem Übergang von der Industrie- zur Dienst- leistungs- und Informationsgesellschaft radikal ver- ändert. Soziale Veränderungen äußern sich etwa in der Erosion traditioneller Lebensformen, in veränder- ten Rollenverständnissen von Mann und Frau, in komplexen Möglichkeiten der Aus-, Um- und Weiter- bildung für den Einzelnen sowie in einer schwächer werdenden sozialen Sicherung durch den Staat.

Flexibilisierung von Arbeitszeiten

Daraus muss eine zunehmende Flexibilisierung so- wohl der wöchentlichen als auch der Lebensarbeits- zeit resultieren. So ermöglichen etwa Teilzeitstellen eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, und ein anpassungsfähiges Rentenalter trägt zur Ausschöpfung des individuellen Arbeitspotenzials bei.

Demgegenüber sind die Zeithorizonte der unterneh- merischen Wertschöpfung maßgeblich davon ge- prägt, betriebsspezifisches Humankapital hochquali- fizierter Mitarbeiter – wie Erfahrungen, Kontakte, soziale Kompetenzen und Führungsstärke – an das Unternehmen zu binden sowie niedrig qualifizierte Beschäftigung in der Produktion zeitnah an Nach- frageschwankungen anzupassen.

Widerspruch zwischen individuellen und unterneh- merischen Bedürfnissen?

Im Verlauf der Podiumsdiskussion soll untersucht werden, inwieweit ein flexibler Einsatz von Arbeits-

kräften mit den Interessen sowohl des Unterneh- mens als auch des Arbeitnehmers vereinbar ist. Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwieweit die Veränderungen der betrieblichen Organisation, die aus der Fokussierung auf Dienstleistung und im- materielle Wertschöpfung folgen, ein Aufbrechen einheitlicher Richtlinien für Arbeitnehmer notwendig machen und möglicherweise eine Gefährdung von Arbeitsplatzsicherheit und Kündigungsschutz nach sich ziehen.

Dialog von Politik und Wissenschaft: Staatliches Eingreifen notwendig?

In diesem Zusammenhang ist sowohl eine politische als auch eine wissenschaftliche Untersuchung an- gebracht: Inwieweit soll von staatlicher Seite ein fle- xibler Arbeitseinsatz zugelassen werden?

Sind staatliche Subventionen sinnvoll, um entspre- chende Anreize für Unternehmen zu schaffen, oder liegt es vielmehr im unternehmerischen Interesse selbst, durch flexible Arbeitszeiten gleichzeitig Mit- arbeiterzufriedenheit und Unternehmensergebnis zu verbessern?

Diese innerbetriebliche Umstrukturierung erfordert zwar ein effizientes Erfahrungs- und Wissensma- nagement im Unternehmen, ermöglicht es aber un- ter Umständen auch, im Wettbewerb um die besten Köpfe die eigene Position zu stärken. 

 

1.2. Podium: Wie weit denkt staatliche Beschäftigungspolitik?

Als parteiübergreifendes Primat deutscher Wirt- schaftspolitik wird die Senkung der Arbeitslosigkeit allerorts propagiert. Das politische Kalkül verleitet dazu, kurzfristig Arbeitslosenzahlen zu minimieren, um bis zur nächsten Wahl „Erfolge“ vorzuweisen und sich „an ihnen messen zu lassen“.

Konflikt zwischen schneller Vermittlung und längerfristiger Qualifizierung?

Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und eine die Ar- beitslosenquote schnell senkende Vermittlung sind die Folge. Dem Einzelnen ermöglicht diese kurz- sichtige Beschäftigungspolitik allerdings selten, die Fähigkeiten zu erwerben, mit denen er langfristig auf dem Arbeitsmarkt konkurrieren könnte.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, was eine langfristig sinnvolle Arbeitsmarktpolitik leisten soll. Hierbei steht zum einen die Umsetzung der von wissenschaftlicher Seite geforderten Flexibilisierung des Arbeitsmarktes durch staatliche Reformen im Vordergrund. Die Einberufung der Hartz-Kommission und die jüngstem gesetzlichen Neuerungen – die eine Neuordnung des Arbeitsmarkts versprechen und „moderne Dienstleistungen“ sowie eine „Vermitt- lungsoffensive“ für Arbeitssuchende schaffen wollen –, gehen einen Schritt in diese Richtung.

Streitpunkt Leiharbeit

So wird zum Beispiel mit der Einführung von „Per- sonal-Service-Agenturen“ (PSA) die Rolle von Zeit- und Leiharbeit gestärkt, die nicht nur einen arbeits- marktrelevanten Sektor mit zunehmender Bedeutung darstellt, sondern auch in besonderer Weise geeig- net ist, durch flexiblen leihweisen Einsatz von Arbeit- nehmern Arbeitsmarktfluktuationen abzufedern.

Tatsächlich wurde Zeitarbeit schon lange vor Hartz und PSA von nichtstaatlichen Firmen wie z. B. Man- power geschäftlich genutzt, was nicht nur auf eine in großem Maße vorhandene Nachfrage, sondern auch auf die Möglichkeit einer privaten Form der Arbeits- vermittlung hinweist.

Zankapfel Kündigungsschutz

Die Reformen bestehen zum größten Teil im Auf- brechen bestehender Kündigungsschutzregelungen – was selbstverständlich nicht bedeutet, dass damit alle Probleme gelöst und Übel beseitigt seien.

Die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes ist zwar ein unerlässlicher, aber nicht der einzige Schritt auf dem Weg zu mehr Beschäftigung. Vielmehr sollen mit ihm durch eine verbesserte Arbeitsvermittlung auch langfristig orientierte Aus- und Weiterbildungsstrate- gien einhergehen, die auf bestehenden Kenntnissen und Fähigkeiten aufbauen und die Eigeninitiative von Arbeitslosen in geeigneter Weise fördern.

Reformfähigkeit demokratischer Staaten

Dies kann nur dann geschehen, wenn sich lang- fristig sinnvolle oder zumindest konstante Reformen am Arbeitsmarkt überhaupt durchsetzen können. Angesichts unterschiedlich gelagerter Interessen – die sich in parteipolitischem Kalkül, gewerkschaft- licher Machtsicherung oder verwaltungsinternem Widerstand gegen die Reform der Bundesanstalt für Arbeit niederschlagen – erscheint dies jedoch wenig wahrscheinlich. Ein genaues Verständnis von Pla- nung und Ablauf politischer Prozesse ist notwendig, um zu bewerten, wie politische Konzepte entstehen und warum sich nachhaltige Strategien auf der poli- tischen Bühne so selten behaupten können. 

 

2.1. Podium: Wie beeinflussen Markt und Staat die Zeithorizonte von Unternehmen?

Verschiedene Manager und Inhaber von Unterneh- men – darunter so bedeutende wie der Otto-Versand und der Automobilhersteller Porsche – kritisieren, dass die Zeithorizonte von Unternehmen mittlerweile von den Kapitalmärkten diktiert und damit nur kurz- fristige Erfolge honoriert würden. Quartalszahlen würden die Strategie oftmals stärker als langfristige Konzepte beeinflussen; nachhaltiges Management spiele lediglich eine untergeordnete Rolle.

Ökonomische, ökologische und soziale Folgen der Kurzsichtigkeit

Eine solche Handlungsweise wirkt sich negativ auf die ökologische, soziale und ökonomische Situation in Deutschland und der Welt aus. So werden zum Beispiel weiterhin relativ rücksichtslos natürliche Ressourcen verschwendet, während effizientere Al- ternativen bereits heute zur Verfügung stehen.

Dabei existieren viele Bereiche, in denen sich lang- fristiges Denken nicht nur positiv auf die ökologische und soziale Gesamtsituation einer Volkswirtschaft auswirken, sondern sich auch aus betriebswirtschaft- licher Sicht lohnen würde. Der Ausbildungsmarkt ist momentan nur ein Beispiel dafür, wie die kurzfristige Gewinnmaximierung der Unternehmen einer nach- haltigen Lösung im Wege steht und somit in abseh- barer Zeit zu einem für die Wirtschaft negativen Mangel an Facharbeitern führen wird.

Kann sich langfristiges Denken schon heute auszahlen?

In der Diskussion soll die Frage beleuchtet werden, in welchen Sektoren der Wirtschaft sich langfristiges Denken schon heute auszahlt, wo es existenziell und wo es hinderlich ist und welche Rolle dabei die Märkte spielen. Es gilt weiterhin zu klären, welche Potentiale durch eine Umorientierung zur Langfris- tigkeit freisetzbar sind, sei es im ökologischen, so- zialen oder im ökonomischen Bereich.

Daraus resultiert die Frage, welche Anreize Manager und Unternehmer überhaupt haben, nachhaltige Strategien zu verwirklichen. Setzt die Management- Struktur in deutschen Konzernen vielleicht gerade in diesem Bereich die falschen Anreize? Fördern Märk- te, allen voran die Kapitalmärkte, wirklich nur kurzfri- stiges Handeln? Brauchen wir demzufolge neue Maßstäbe zur Bewertung von Unternehmen, die sozialen und ökologischen Aspekten eine stärkere Gewichtung beimessen? Was kann ein Unternehmer tun, um trotz kurzfristiger Einflüsse langfristig erfolg- reich zu sein?

Muss die Politik durch ordnungspolitische Eingriffe andere Anreize setzen? Wo engt die Gesetzgebung Handlungsräume zu stark ein und verhindert damit Innovation? 

 

2.2. Podium: Internationale Institutionen – Motor weitsichtiger Politik? 

Dissens bereits bei der Diagnose

Um die Frage, wie und in welchem Umfang natür- liche Lebensgrundlagen erhalten werden sollen, wird seit mehr als zwei Jahrzehnten auf regionaler, natio- naler und internationaler Ebene gestritten. Nicht einmal über die Bewertung der bereits eingetretenen Folgeschäden des wirtschaftlichen Profitstrebens und des Konsums in den Industrienationen besteht Einigkeit. Noch umstrittener sind Prognosen über mögliche irreparable Schäden in der Zukunft.

Unternehmen, Politik und Bürgerbewegungen stehen sich scheinbar unversöhnlich gegenüber.

Prävention billiger als Beseitigung der Folgen

Langsam scheint sich jedoch die These durchzu- setzen, dass Prävention effizienter ist als die Besei- tigung von Folgeschäden. Konsens herrscht zudem darüber, dass es nicht um nationale, sondern um globale Fragen geht.

Nicht nur ökologische Probleme

Dabei lassen sich neben den ökologischen noch viele andere Probleme anführen, die nur durch eine intensive internationale Zusammenarbeit sinnvoll gelöst werden können. Als Bespiele seien hier vor allem der Kampf gegen den weltweiten Hunger, die Verfolgung von Kriegsverbrechen oder aber auch die globale Friedenssicherung genannt.

Entsprechende Maßnahmen und Standards müssten von internationalen Institutionen wie den Vereinten Nationen, der Welthandelsorganisation oder der Eu- ropäischen Union beschlossen und dann auf natio- naler Ebene umgesetzt werden.

Internationale Politik im Lichte nationaler Interessen

Diese Gremien werden jedoch von den Interessen der einzelnen Mitgliedsstaaten dominiert, vertreten von der nationalen Politik. Da deren Zeithorizont nicht über die Dauer einer Wahlperiode hinausreicht, stellt sich die Frage, ob auf internationaler Ebene überhaupt Anreize bestehen, langfristige Ziele zu formulieren und Entscheidungen daran auszurichten.

Müsste internationalen Institutionen mehr Autonomie eingeräumt werden, um sie vom kurzsichtigen Kalkül nationaler Politik abzukoppeln? Oder kann die Politik gleichzeitig kurz- und langfristige Strategien verfol- gen?

Wie soll die internationale Gemeinschaft mit Ländern umgehen, die globale bzw. europäische Vorhaben boykottiert? Ist es denkbar, nachhaltige Lösungen auch ohne diese Länder durchzusetzen?

Welche Einflussmöglichkeiten haben nichtstaatliche Organisationen bei der Umsetzung internationaler Ziele? Inwieweit bestimmen transnationale Konzerne die Richtung internationaler Politik? 

 

3.1. Podium: Zeit, Unsicherheit und Erwartungsbildung in der Makroökonomik

Der Standpunkt der Neoklassik

Jeder, der es bis ins Hauptstudium der VWL ge- schafft hat, weiß, was die Theorie der Maximierung des erwarteten Nutzens mathematisch bedeutet: Im Zeitpunkt t verhält man sich genau so, dass der Er- wartungswert über die Summe zukünftiger Nutzen, bedingt auf die zum Zeitpunkt t gegebene Informa- tionsmenge, maximal wird.

Diese Formulierung setzt voraus, dass das betrach- tete Wirtschaftssubjekt sich eine Vorstellung davon macht, welche zukünftigen Zustände eintreten könn- ten, und außerdem jedem dieser Zustände eine Wahrscheinlichkeit für seinen Eintritt zuordnet.

Auf der individuellen Ebene nimm man zwar an, dass die einer solchen Zuordnung zugrunde liegen- de Informationsmenge völlig subjektiv und fehler- behaftet sein kann. Für die gesamte Gruppe der Wirtschaftsakteure wird jedoch davon ausgegangen, dass sie die Realität korrekt wahrnehme und dass sie aus der fortwährenden Beobachtung dieser Rea- lität etwas über die zukünftige Entwicklung lerne. Allerdings hat natürlich jede Handlung Einfluss auf ebendiese zukünftige Entwicklung. Die bei korrekter Realitätswahrnehmung gebildeten Erwartungen werden dann als „rationale Erwartungen“ bezeichnet, wenn die Wirtschaftsakteure die Auswirkungen ihres eigenen Handelns auf die Realität berücksichtigen und sie den Einfluss ihrer eigenen Handlung auf die Zukunft in ihre Erwartungsbildung einbauen. „Rationale Erwartungen“ zu bilden, ist zumindest annähernd möglich, wenn sich die fundamentalen Werte der betrachteten Ökonomie (z. B. die Varianz einer als zufällig angenommenen Störgröße) nicht über die Zeit ändern. Viele neoklassische Modelle basieren nun genau hierauf – und setzen sich damit heftiger Kritik aus, denn sie postulieren eine weit reichende Ahistorizität unserer Welt postulieren, in- dem sie annehmen, diverse Schocks (Produktivitäts- schocks, Naturkatastrophen, Kriege) folgten heute und in alle Ewigkeit derselben Wahrscheinlichkeits- verteilung, der sie auch schon gestern gehorchten.

Rationale Erwartungen und die Realität

Die Realität ignoriert solche Schwächen einer Theo- rie glücklicherweise nicht, sondern legt sie scho-

nungslos offen. Nicht zuletzt deshalb stellt die Ein- führung des Euro einen Glücksfall dar. Sie offenbarte in seltener Deutlichkeit, wie sehr menschliche Wahr- nehmung die Realität verzerren kann – und sie gab einen Geschmack davon, welche drastischen real- wirtschaftlichen Auswirkungen eine solche fehlerhaf- te Wahrnehmung haben kann (vgl. „Financial Times Deutschland“ vom 21. Februar 2003):
Der Münchner Psychologe Stefan Schulz-Hardt schickte Testpersonen in ein Restaurant, in dem in getrennten Speisekarten die Gerichte einmal in DM und einmal in Euro ausgezeichnet waren. Die in der Karte angegebenen Euro-Preise wurden von Schulz- Hardt manipuliert. Folgendes Phänomen konnte er beobachten:
– War der Euro-Preis um 15 Prozent niedriger als

der DM-Preis, gaben die Probanden im Schnitt

an, das Preisniveau sei unverändert.
– Wurde der Euro-Preis gemäßt dem offiziellen

Kurs aus dem DM-Preis errechnet, glaubten die Testpersonen, die Speisen seien um 8 Prozent teurer geworden.

– Lag der Euro-Preis um 15 Prozent über dem DM- Preis, dachten die Versuchspersonen, die Preis- steigerung betrage 20 Prozent.

Die realen Konsequenzen dieser eingebildeten Infla- tion zeigten sich in dem Experiment ebenfalls: Leute, die aus der Euro-Speisekarte bestellten, zeigten sich im Schnitt zurückhaltender als jene, die auf Grund- lage der DM-Karte bestellten.

Wenn Menschen aber, wie hier gezeigt, nicht in der Lage sind, die Realität richtig einzuschätzen, ist der oben beschriebenen Argumentation, nach der die tatsächliche Wahrscheinlichkeitsverteilung von Zu- fallsvariablen die subjektiven Wahrscheinlichkeiten ersetze, die Grundlage entzogen.

Kritik „rationaler Erwartungen“
aus der Sicht beschränkter Rationalität

Der herkömmliche Weg makroökonomischer Model- lierung geht zusätzlich zur Annahme rationaler Er- wartungen davon aus, alle Wirtschaftsakteure ver- hielten sich eigennutzmaximierend und hätten un- beschränkte mentale Ressourcen zur Verfügung. Freilich überzeugt sich jeder an einer Universität tä- tige Ökonom einmal je Semester davon, dass letztere Annahme reine Phantasie ist – denn wie viele Studierende der VWL schaffen es schon, das in quasi jeder Makroklausur zu analysierende Modell mit rationalen Erwartungen zu lösen …?

Wie können also dieselben Ökonomen dennoch da- von ausgehen, dass ihre Studenten in realen Ent- scheidungssituationen, die gegenüber dem Modell noch einmal eine enorme Steigerung der Komple- xität bedeuten, rationale Erwartungen an den Tag legten? Solche in realen Entscheidungssituationen zu berechnen, bedeutet einen enormen Aufwand und die Kenntnis einer unfassbaren Datenmenge. Damit entsteht folgendes Problem: Die Beschaffung von Daten und ihre Auswertung erzeugt Kosten. Die Berücksichtigung dieser zusätzlichen Kosten macht die Nutzenmaximierung noch einmal komplexer und damit zeitaufwändiger. Für dieses neue Maximie- rungsproblem ergibt sich wieder dieselbe Frage: Wie viel soll man für seine Lösung und für die Informa- tionsbeschaffung aufwenden?

Da man diese Frage unendlich oft stellen kann, verfängt man sich in einem unendlichen Regress. Um also überhaupt handlungsfähig zu sein, kann unser Gehirn folglich gar nicht auf unbeschränkte Maximierung ausgelegt sein, weil es sich mit dem unendlichen Regress selbst lähmen würde. Vertreter der verhaltensorientierten Ökonomik ver- langen deshalb, beschränkte Rationalität, die sich in Heuristiken (näherungsweisen Optimierungsver- fahren), Lernverhalten und Gewohnheitsbildung zeigt, ebenso wie Informationsbeschaffungskosten zu berücksichtigen.

Kritik rationaler Erwartungen aus keynesianischer Sicht

Keynesianismus wird in der universitären Lehre meist auf die Stichwörter „Preisrigiditäten“ und „Glo- balsteuerung“ reduziert. Tatsächlich grenzt sich Keynes in seiner „General Theory of Employment, Interest and Money“ jedoch auch in einem anderen – vielleicht viel bedeutenderen – Feld von der neo- klassischen Theorie ab: in der Betrachtung von Zeit, Unsicherheit und Risiko. So legte Keynes großen Wert auf die Unterscheidung von Unsicherheit und Risiko. Während „Unsicherheit“ aus tatsächlichem Unwissen über mögliche zukünftige Zustände resul-

tiert, beschreibt „Risiko“ den Zustand, in dem mög- liche zukünftige Zustände und deren Wahrschein- lichkeiten bekannt sind.
Damit im Zusammenhang steht der Zeitbegriff des Keynesianismus, der ein historischer ist: Es wird die Einzigartigkeit der Welt zu jedem Zeitpunkt betont. Aus der Einzigartigkeit der Welt zu jedem Zeitpunkt folgt, dass es unmöglich ist, die Menge der mög- lichen zukünftigen Zustände vollständig zu beschrei- ben und ihnen Wahrscheinlichkeiten zuzuordnen.

In den Fokus des Ökonomen geraten damit ganz an- dere Dinge als bei der neoklassischen Herangehens- weise: Für Keynes richten sich nicht die Erwartungen nach der Realität, sondern resultiert die zukünftige Realität aus unseren Erwartungen. Außerdem maß er gesellschaftlichen Konventionen und Institutionen, die Unsicherheit reduzieren, große Bedeutung bei.

Die Sicht der Evolutionsökonomik

In seinem „Grundriß der Evolutionsökonomik“ defi- niert Carsten Herrmann-Pillath die Grundfrage des neoklassischen Mainstreams wie folgt: „Wie können individuelle Bedürfnisse bei gegebenen Bedürfnissen und Alternativen unter der Bedingung knapper Res- sourcen optimal befriedigt werden? Das Wissens- problem wird zum Teil oder sogar vollständig aus- geblendet.“ Im Kontrast dazu steht laut Herrmann- Pillath das Erkenntnisinteresse der Evolutionsöko- nomik: „Das wirtschaftliche Grundproblem ist das Unwissen. Sie [die Evolutionsökonomik] fragt, wie das Wissen über Bedürfnisse, die Möglichkeit ihrer Befriedigung und die relevanten Techniken gewon- nen wird … und wie die Auwahl von Alternativen unter den Bedingungen fundamentalen Unwissens und ständiger Generierung von Neuheit möglich ist. Das Effizienzkriterium rückt an sekundäre Position.“ Die Evolutionsökonomik untersucht deshalb, wel- chen Einfluss Kommunikation auf das Marktergebnis hat, welche Formen der Koordination zu einem stabilen System führen und wie eine den Rahmen setzende Instanz wie der Staat den Kommunika- tionsprozess zwischen den Wirtschaftsakteuren fördern kann.

Vertreter der verschiedenen Schulen werden mitein- ander ihre Ansichten auf Podium 3.1 diskutieren. 

 

3.2. Podium: Langfristiges Wachstum trotz endlicher Ressourcen?

Wachstum durch Naturkatastrophen?

Angesichts der letztjährigen Hochwasserkatastrophe in Ostdeutschland ließ Bundeskanzler Gerhard Schröder verlauten: „Der erforderliche Wiederaufbau macht Arbeit. Vor allem aber schafft er Arbeit. … Und er wird Konjunktur und Wachstum in unserem Land kräftig beleben.“ (Nachzulesen in der SPD-Wahl- kampfzeitung zur Bundestagswahl am 22. Septem- ber 2002.) Zu einer ähnlichen Einschätzung kam nicht nur die Investmentbank Morgan Stanley („Oft haben Naturkatastrophen sogar positive Wirkungen auf das Wachstum“), sondern auch Gustav Horn, Konjunkturexperte des DIW Berlin: „Wenn tatsächlich alle Mittel des Hilfsprogramms auch ausgegeben werden, könnte es sogar zu einem leicht positiven Effekt kommen.“ (Beide Aussagen laut „Financial Times Deutschland“ vom 21. August 2002.)

Diese Aussagen machen deutlich, wie beschränkt aussagefähig und schwierig die vorherrschende De- finition von Wirtschaftswachstum ist. Es wird gemein- hin als die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gegenüber dem BIP des Vorjahres gemessen. Auf welche Art und Weise das BIP erwirtschaftet wird, findet keinerlei Berücksichtigung.

So gehen in das BIP zahlreiche sog. Defensivkosten ein, d. h. Kosten, die erst durch die Beseitigung von Schäden, die Folge unseres Wirtschaftens sind, ent- stehen. Dazu gehört der Wiederaufbau nach Natur- katastrophen ebenso wie beispielsweise die „Dienst- leistung“, die ein Notarzt nach einem Verkehrsunfall erbringt, oder die Operation und Therapie des Lun- genkrebses eines Bergarbeiters oder Rauchers.

Ein anderer bekannter Schwachpunkt des BIPs ist die Tatsache, dass es nur diejenigen Leistungen einer Volkswirtschaft erfasst, die mit Geld bezahlt wurden. Der Nutzen, den unentgeltliche Arbeit (Nachbarschaftshilfe, Hausarbeit, ehrenamtliches Engagement, um nur einige zu nennen) stiftet, fin- det in ihm keinerlei Berücksichtigung.

Alternative Ansätze der Wachstumsmessung

Ansätze wie das „Grüne BIP“ (korrekter: „ökologi- sche volkswirtschaftliche Gesamtrechnung [VGR]“) nehmen deshalb statt der Bruttowertschöpfung die Veränderung des Bestandes an ökonomischem und

natürlichem Kapital als Messlatte für wirtschaftlichen Erfolg. So vielversprechend dieser Ansatz auf den ersten Blick auch ist, wirft er doch ebenfalls zahl- reiche Probleme auf: Wie etwa soll man den Wert ei- nes Waldbestandes oder der Artenvielfalt eines Lan- des erfassen? Oder ist ein solcher Versuch ohnehin nichts anderes als Ausdruck des vermessenen Wun- sches, den Zustand der Welt möglichst mit Hilfe einer einzigen Zahl zusammenfassen zu können?

Grenzen langfristigen Wachstums?

Die oben beschriebene Kurzsichtigkeit des BIP, die in der Fokussierung auf die aktuell erbrachten wirt- schaftlichen Leistungen liegt, offenbart eine weitere folgenreiche Schwäche einer auf seine Steigerung zielenden Wirtschaftspolitik: Längerfristige Verände- rungen des Potentials einer Volkswirtschaft, die sich etwa aus der Zunahme von Klimaschäden oder dem Abbau natürlicher Ressourcen ergeben können, werden vernachlässigt. Laut der Tageszeitung „Die Welt“ vom 14. August 2002 kommen die Mathemati- ker der Münchener Rückversicherung zu folgendem Ergebnis: „Wenn der Schadensverlauf witterungsbe- dingter Naturkatastrophen so anhält wie in den bei- den letzten Jahrzehnten, dann werden in 60 Jahren – bei einem globalen Wirtschaftswachstum von jährlich drei Prozent – die klimabedingten Schäden höher sein als das weltweite Bruttosozialprodukt.“ So sehr die grundsätzliche Forderung nach einer nachhaltigen Entwicklung auch Konsens ist, bleibt die konkrete Ausgestaltung jedoch umstritten: Wel- che Anforderungen an Energieverbrauch und Res- sourcennutzung ergeben sich aus einem Leitbild nachhaltiger Entwicklung konkret? Ist die Folge eine Verringerung des wirtschaftlichen Wachstums – zumindest nach der herkömmlichen Definition? Genau diese Konsequenz wurde in dem 1973 vom Club of Rome veröffentlichten bahnbrechenden Re- port „The Limits to Growth“ gezogen:

“The behavior mode of the system is that of over- shoot and collapse. In this run the collapse occurs because of nonrenewable resource depletion. The industrial capital stock grows to a level that requires an enormous input of resources. In the very process of that growth it depletes a large fraction of the re- source reserves available.”

Mehrere Entwicklungen lassen heute, dreißig Jahre später, jedoch auch andere Antworten zu. So könn- ten Produktivitätsfortschritte, eine weit reichende Ablösung der materiellen Produktion durch wissens- basierte Wertschöpfung und die Nutzung erneuer- barer Energien es erlauben, einen weltweit (durch- schnittlich) höheren Lebensstandard bei geringeren Emissionen zu realisieren.

Qualitatives vs. quantitatives Wachstum – alternative Wohlstandskonzepte

Voraussetzung hierfür ist jedoch zumindest teilweise ein gesellschaftlicher Wandel, der eine neue Defini- tion von Wohlstand hervorbringt. Zwar ist dank der Grünen der Begriff des „qualitativen Wachstums“ auch in die öffentliche und politische Diskussion getragen worden. Interessanterweise ist er jedoch ausgerechnet in den letzten Monaten – in der die fortwährende Diskussion um Arbeitslosigkeit und (un- zureichendes) Wirtschaftswachstum die Gelegen- heit geboten hätte, auf die Unmöglichkeit ständigen quantitativen Wachstums hinzuweisen – aus der Diskussion verschwunden.

Um die Qualität, die Wirtschaftswachstum für eine Gesellschaft hat, einschätzen zu können, muss un- tersucht werden, welche Sektoren einer Wirtschaft besonders zum Wohlbefinden der Menschen bei- tragen. Bei allen Problemen, die das Definieren und das Messen menschlichen Wohlbefindens mit sich bringt, hat sich inzwischen doch ein einigermaßen anerkannter Satz von Indikatoren herausgebildet. Dazu zählen Dinge wie die Anzahl von Ärzten/Kran- kenhäusern pro Kopf, das durchschnittliche Bildungsniveau, die Kriminalitätsrate, die Lebenser- wartung oder die Verbreitung von Krankheiten. Warum ausgerechnet solche Indikatoren verwendet werden, illustriert folgendes Beispiel: Ein Liebhaber sonnigen Wetters wird vermutlich an zwei unter- schiedlichen Orten auf dieser Welt – einer sonnig, der andere fast das ganze Jahr über regnerisch – bei ansonsten gleichen ökonomischen Bedingungen (gleiche Ausbildung, gleicher Arbeitsinhalt, gleiche Arbeitszeit, gleiches Einkommen, gleiche Gesund- heitsversorgung) unterschiedlich glücklich sein. Der positive Zusammenhang zwischen der Lebens- qualität und etwa einem guten Gesundheitssystem

wird aber sowohl in dem sonnigen als auch in dem regnerischen Land zu beobachten sein.
Eine Änderung der Wirtschaftspolitik hin zur Förde- rung der Wirtschaftszweige, die besonders zum in- dividuellen Wohlbefinden beitragen, enthält aller- dings noch nicht das Element der Nachhaltigkeit, geht das bisher Gesagte doch noch gar nicht auf die Konsequenzen qualitativen Wachstums für Ressourcenverbrauch und Schadstoffemissionen ein. Nimmt man sich als Ziel jedoch die langfristige Steigerung / Sicherung des individuellen Wohlbefin- dens, finden die ökologischen Kriterien automatisch Berücksichtigung.

Verursacher und Leidtragende von Umweltzerstö- rung

Auf der zwischenstaatlichen Ebene ergeben sich aus der Zielsetzung quantitativen Wirtschaftswachstums folgende Probleme:

1. Während in den entwickelten Ländern wie oben beschrieben Wohlbefinden der Bevölkerung und BIP-Wachstum relativ entkoppelt sind, besteht in Entwicklungsländern hier ein enger positiver Zu- sammenhang. Wirkt sich Wirtschaftswachstum in Entwicklungsländern stark auf Ressourcen- vebrauch und Schadstoffemissionen aus, oder gibt es inzwischen Technologien, die es diesen Ländern erlauben, zu wachsen, ohne dabei eine ebenso vernichtende Energiebilanz wie die In- dustrienationen aufzuweisen?

Gibt es international eine Konkurrenz um Wirt- schaftswachstum?

2. Die ersten Leidtragenden der globalen Umwelt- schäden werden die Menschen in denjenigen Ländern sein, die am wenigsten Schuld am Ozon- loch oder dem steigendem Meeresspiegel und der Versteppung infolge des Treibhauseffektes tragen – nämlich die Einwohner der sonnenrei- chen Länder auf der Südhalbkugel und die Be- wohner kleiner von der Überflutung bedrohter Inseln. Welche Ansprüche haben die Einwohner dieser Ländern damit an die Politik von uns ent- wickelten Nationen? Was bedeutet Gerechtigkeit auf der zwischenstaatlichen Ebene?