Symposium 2002 – Die Ökonomie der Freiheit

Die Ökonomie der Freiheit 

Der unmittelbare Zusammenhang zwi- schen der Wirtschaft und der Freiheit des Menschen ist spätestens seit Adam Smith Gegenstand zahlreicher öffentlicher Dis- kussionen und Theorien. Viele zeitge- nössische Wirtschaftswissenschaftler, unter ihnen die Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen, haben sich neben ihren theoretischen Arbeiten mit der Bedeutung der Freiheit ökonomischen Handelns und dessen Auswirkungen auf die gesellschaft- liche und persönliche Freiheit beschäftigt.

Jede Gesellschaft muss Antworten fin- den, wenn es darum geht, die Freiheiten ihrer Mitglieder gegeneinander abzuwägen und Freiheit mit anderen Werten in Einklang zu bringen. Das diesjährige Symposium des Humboldt-Forum Wirt- schaft widmet sich deshalb der Analyse der dabei auftretenden Konflikte und der zu schließenden Kompromisse. Um der Thematik am heutigen Tage gerecht zu werden, sind zwei Themensäulen mit fol- genden Podiumsdiskussionen vorgesehen:


Säule 1: Freiheit auf Märkten

Wie viel Regulierung ist auf ver- schiedenen Märkten nötig, damit sie wohlfahrtsmaximierend arbeiten?

Kultur: Stellen Marktmechanismen eine sinnvolle Alternative zu staatlichen Subventionen dar? Fordern wir „Freiheit für Antigone“?

Finanzmärkte: Erfüllen Finanzmärkte ihre primäre Funktion mit oder ohne Re- gulierung am besten? Gibt es „effiziente Spekulation“?

Wissenschaft: Die Frage, inwiefern die Finanzierungsform von Forschungsein- richtungen deren Inhalte beeinflusst, ist Thema des Panels „Freiheit, die Wissen schafft“.


Säule 2: Das Individuum und seine Freiheit

Welchen Einflüssen sind wir als Individuen in der Marktwirtschaft ausgesetzt, wie frei sind wir in un- seren Entscheidungen?

Flexibilität: Welche Auswirkungen haben zunehmender Konkurrenzdruck und wachsende Flexibilitätsanforderungen auf die persönliche Freiheit? Gehen wir „jung und dynamisch in die lebenslange Freiheit“?

Transformationsprozesse: In Ost- und Mitteleuropa befindet sich „Freiheit im Umbruch“. Wie haben sich die Einstellung zu Freiheit und Eigenverantwortlichkeit und das Verhalten der Menschen seit dem Beginn des politischen Umbruchs verän- dert?

Konsumgesellschaft: Wie viel Freiheit bringen Wohlstand, Konsum, Warenviel- falt und Markenartikel mit sich? Ist bei uns „Freiheit im Angebot“? 

 

Vorträge zur Ökonomie der Freiheit 

Als Redner zum Titelthema des Sym- posiums wurden drei Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gewonnen, die sowohl aufgrund ihrer Parteizugehörigkeiten als auch wegen ihrer vielfältigen persönlichen Erfahrungen sehr verschiedene Aspekte des Themas erörtern werden.

Am Vorabend wird mit Dr. Guido Westerwelle ein Politiker zu Wort kom- men, dessen Partei nicht nur den Begriff Freiheit im Namen führt, sondern der auch als möglicher Erneuerer der wirt- schaftspolitischen Rahmenbedingungen Deutschlands gilt.

Die offizielle Eröffnungsrede des Sym- posiums am 15. Mai wird der Präsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang

Thierse, halten. Er gilt als einer der enga- giertesten Mahner der sozialen und wirt- schaftlichen Probleme der Wiedervereini- gung und der daraus resultierenden Ein- schränkungen persönlicher Freiheit und Entfaltung. Thierse, einst Student an der Humboldt-Universität, hat in langen Jah- ren Einengungen der Freiheit an der eige- nen Person erfahren müssen.

Der Tag endet mit der Rede des His- torikers und Vizepräsidenten des Abgeord- netenhauses von Berlin Prof. Dr. Chris- toph Stölzl über die kulturelle Bedeutung der Freiheit und die Diskrepanz zwischen ökonomischen Zwängen und gesellschaft- lichen Anforderungen, die er als ehemali- ger Kultursenator Berlins erfahren hat.

Themen

1.1. Podium: Die Liberalisierung des Kulturmarkts

„Der Staat muss die Kultur auch in der Zukunft fördern, genauso wie er die Müll- abfuhr finanziert; das Theater ist die Müll- abfuhr für die Seele.“

Hansgünther Heyme (*1935), dt. Theaterintendant

Im europäischen Vergleich üppige Zu- schüsse erlauben es deutschen Theatern, Museen und sogar der Filmbranche, sich weitgehend der ökonomischen Realität zu entziehen. Angesichts der angespannten Finanzlage (insbesondere in Berlin) wer- den nun allerdings viele Subventionen gestrichen – kulturelle Einrichtungen müssen schließen oder sich in privater Trägerschaft dem freien Markt stellen. Als mögliche neue Finanzierungsform wird die Gründung von Stiftungen genannt.

Kultur der knappen Gelder

Berlin hat jedoch im kulturellen Be- reich, wie sonst oft auch, eine Sonderrolle: Schon in den zwanziger Jahren brummte die Stadt dank eines vielfältigen Kultur- angebots und einer breiten, internationa- len Künstlerszene. Seit der Stadt das Ge- schenk der Wiedervereinigung in den Schoß gefallen ist, erneuert sich Berlin wieder einmal. Erneut spielt die Kultur, das spielerische Experiment mit Denk- weisen und Lebensformen, mit Kunst- und Lebensstilen, eine wesentliche Rolle. Im kleinen Bereich ist hier eine ungemei- ne Kreativität zu beobachten: Off-Thea- tergruppen spielen auf Hinterhöfen, Jung- Autoren lesen in Kneipen und Künstler veranstalten Vernissagen in Cafés.

Dennoch kann diese Form von Kunst keine Oper, keine Philharmonie und keine Ausstellung oder gar Bibliothek ersetzen. Kultur kostet Geld. Der Anspruch, den

Deutschland an sich als Kulturnation stellt, ist kostendeckend nicht umzusetzen, wenn gleichzeitig am sozialpolitischen Ziel festgehalten wird: Kultur soll für die brei- te Bevölkerungsmehrheit erschwinglich und zugänglich sein.

Der Wert der Kultur

Allein mit dem Gegenrechnen von unmittelbaren Einnahmen und Ausgaben ist der tatsächliche (Mehr)wert der Kultur allerdings kaum zu erfassen: Als öffent- liches Gut erzeugt sie unschätzbare positi- ve Externalitäten.

Privatwirtschaftlich organisierte An- bieter könnten diese Nebeneffekte in ihren Kalkulationen nicht berücksichtigen. Würde also die ökonomische Tragfähigkeit massenwirksamer Unterhaltungsangebote über kulturelle Vielfalt mit Niveau obsie- gen? Wie können Theater mit Kinos, Mu- seen mit Freizeitparks und Bibliotheken mit Fitnesscentern konkurrieren?

Subventionen für Eliten?

Andererseits stellt sich die Frage, ob die derzeitige staatliche Unterstützung nicht ein Kulturangebot schafft, das eher eine begüterte Minderheit anspricht, die ei- gentlich nicht auf subventionierte Ein- trittskarten angewiesen wäre. Fehlt darü- ber hinaus bei staatlicher Subventionie- rung nicht eine konkurrenzbedingte Aus- lese durch ökonomischen Druck?

Wie viel ist uns die künstlerische Frei- heit wert – nicht im Sinne der Abwesen- heit von Zensur, sondern im Sinne der Förderung künstlerischen Schaffens? Un- ter welchen wirtschaftlichen Bedingungen kann sich künstlerische Freiheit am besten entfalten?

 

1.2. Podium: Die Bedeutung freier Kapitalmärkte

Die Häufung von Finanzkrisen in den letzten zehn Jahren hat vor allem in Schwellenländern – die für Spekulation wesentlich anfälliger als Industriestaaten sind – verheerende Auswirkungen auf die Volkswirtschaften. Insbesondere die Asi- enkrise aber auch zahlreiche andere Krisen lassen vermuten, dass die Stabilitätsrisiken von Kapitalmärkten untragbar werden.

Die primäre Funktion der Finanzmärk- te, Ersparnisse in Investitionen zu verwan- deln und somit die effiziente Allokation von Kapital zu bewirken, rückt nach An- sicht von Kritikern mit der zunehmenden Spekulation in den Hintergrund. In Zei- ten vernetzter Finanzsysteme können im- mense Volumen von Kapital kurzfristig und in Sekundenschnelle um den Globus transferiert werden; dies verursache eine bedrohliche Instabilität des Weltfinanzsys- tems.

Öffnung der Kapitalmärkte: Fluch oder Segen?

Spekulative Währungsgeschäfte, die von einer kleinen Anzahl global agierender Vermögensbesitzer betrieben werden, kön- nen schwere Krisen in der realen Wirt- schaft auslösen. In diesem Fall dürften Schwellenländer kaum von geöffneten Ka- pitalmärkten profitieren; für diese Länder wären sie Fluch, nicht Segen.

Forderungen nach stärkeren politi- schen Regulierungsmaßnahmen werden laut: Finanzmärkte müssten stabilisiert werden und ihre ursprüngliche Funktion müsse wiederhergestellt werden.

Als mögliche Lösungsansätze werden die Einführung einer internationalen De- visentransaktionssteuer, die Neutralisie- rung von Steueroasen, die Regulierung des

Derivathandels sowie der selektive Einsatz von Kapitalverkehrskontrollen genannt.

Befürworter des freien Kapitalverkehrs verneinen eine Funktionsunfähigkeit der internationalen Finanzmärkte. Sie sind der Ansicht, Finanzkrisen seien eher als Kon- sequenzen makroökonomischer Fehlent- wicklungen und institutioneller Defizite zu betrachten, die von einem liberalisier- ten Kapitalverkehr schonungslos offenge- legt würden.

Finanzkrisen: Ursache oder Folge ökonomischer Fehlentwicklungen?

Krisen zeichnen sich durch ernste Vertrauensverluste in die reale Wirtschaft und heftige Kursrutsche aus. Spekulative Kapitalströme sind daher nur Symptome für vermutete Ungleichgewichte. Entspre- chend setzt Regulierung von Kapital- märkten zur Eindämmung von Spekula- tionen nur an diesen an. Heilung ist davon nicht zu erwarten, sie muss vielmehr bei den Ursachen ansetzen. Krisen stellen so- mit vielmehr einen Anpassungs- und Ge- sundungsprozess der betroffenen Volks- wirtschaften dar.

Sorgen steigende Erlöse des Termin- marktes in Zeiten rückläufiger Transaktio- nen am Aktienmarkt wirklich für eine Stabilisierung der Gesamterträge? Könnte man durch Regulierung der Finanzmärkte die weit reichenden Stabilitätsrisiken vor allem für Schwellenländer tatsächlich ver- ringern? Was könnte eine strengere Fi- nanzaufsicht leisten? Hat die Wirtschafts- politik in der Zusammenarbeit mit den Finanzmärkten versagt? Inwieweit kann glaubwürdige und stabilitätsorientierte Geldpolitik die Aussagekraft der Preise steigern und somit Vertrauen schaffen?

 

1.3. Podium: Die Freiheit der Wissenschaft im Wissenschaftsmarkt

Deutschland fällt als Wissenschaftsstand- ort im internationalen Vergleich zurück. Dies und die Krise der öffentlichen Haus- halte haben die Diskussion über eine Reform der Forschungs- und Bildungsein- richtungen angeheizt. Mehr Wettbewerb und mehr Drittmittel werden gefordert. Was sind mögliche Folgen einer privat- wirtschaftlichen Finanzierung von For- schung?

Marktkräfte bewirken effiziente Mittelverwendung …

Die größten Vorteile könnten aus der Nutzung der Stärken eines Marktes entste- hen. Durch den Wettbewerb würde sich die Effizienz im Wissenschaftsbereich er- höhen, privates Interesse würde eine effek- tive Verwendung der Mittel garantieren. Zudem dürften Flexibilität und die Anpas- sungsfähigkeit an veränderte (internatio- nale) Wettbewerbssituationen und For- schungsergebnisse steigen. Das Interesse der Geldgeber würde eine bedarfsorien- tierte Forschung fördern und die Umsetz- barkeit der Erkenntnisse in vermarktbare Produkte sicherstellen. Dadurch wäre eine Stärkung des Wirtschaftsstandorts insge- samt zu erwarten.

Negativ könnte sich indes der geringe- re Zeithorizont der Unternehmen, ihre Ausrichtung auf Quartalsgewinne und den Aktienkurs auswirken. Da die schnelle wirtschaftliche Verwertung der For- schungsergebnisse im Vordergrund steht, könnte die Grundlagenforschung vernach- lässigt werden. Außerdem könnte sich eine stärkere Abhängigkeit von konjunkturel- len Schwankungen ergeben und so die Kontinuität leiden. Daneben droht eine

Benachteiligung der Gesellschafts- und Geisteswissenschaften sowie von For- schungseinrichtungen, deren Ergebnisse nicht direkt vermarktbar sind.

… und eine Fixierung auf kurzfristige Gewinnaussichten?

Für manche Kritiker stellt sich eine Demokratie- und Sinnfrage: Viele Pro- dukte ließen sich gut vermarkten und wä- ren so aus Unternehmensperspektive in- teressant, wohingegen die Folgekosten der Anwendung durch die Gesellschaft aufge- bracht werden müssten. Wie sind Ent- scheidungen über Forschungsinhalte und über die Anwendung von Ergebnissen le- gitimiert?

Durch die Einschränkung politisch motivierter Mittelvergabe an bestimmte Institutionen könnte die Wissenschaft freier und objektiver werden. Einer aus Privatmitteln finanzierten Forschung blie- ben eine Vielzahl bürokratischer Hürden und politischer Reglementierungen er- spart. Andererseits könnten durch die Interessen der Geldgeber neue Abhängig- keiten entstehen und Forschungser- kenntnisse zudem nur bestimmten Unter- nehmen zugänglich sein.

Begünstigen Patente Investitionen oder behindern Lizenzgebühren Forschung und Anwendung? Welchen Einfluss hat private Finanzierung auf die Objektivität von Studien? Wer soll von Forschung profi- tieren und wer trägt die Risiken ihrer Umsetzung? Wie kann der „Return on Investment“ gesichert werden, indem Hochschulabsolventen im Land gehalten werden?

 

2.1. Podium: Berufliche Flexibilität versus Sicherheit

Die heutige Gesellschaft bietet ihren Mitgliedern ein nie gekanntes Ausmaß an persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten und Entfaltungsspielräumen – gleichzeitig wachsen jedoch Konkurrenzdruck, Ver- antwortung und Unsicherheit für jeden Einzelnen. Der grundlegende Wandel in der Welt der Arbeit hat vielfältige Auswir- kungen auf unser zukünftiges Leben – und er scheint unausweichlich.

Die Chance als Zwang und umgekehrt: Freiheit durch ständige Erneuerung?

Wachsende Mobilität, technologischer Fortschritt und die Bereitschaft zu lebens- langem Lernen ermöglichen dem Indivi- duum, sich in viele Richtungen weiterzu- entwickeln und viele Türen zu öffnen – die Freiheit, sich nicht endgültig entschei- den zu müssen. In einer sich rapide än- dernden Welt wird diese Freiheit zur Be- dingung für ein erfülltes und zufriedenes Leben. Um sie zu bewahren, muss man sich immer neuen Herausforderungen stellen – wo wird die Chance zum Zwang?

Die klassischen Berufsbilder haben ihre Gültigkeit verloren, und der Wandel in der unternehmerischen Wertschöpfung fordert die Anpassung sowohl des Ma- nagements als auch der Angestellten. For- scher prognostizieren den „Jobnomaden“: den sich selbst weiterbildenden Wander- arbeiter, dessen größtes Kapital er selbst und seine Qualifikationen sind, als typi-

sche Arbeitskraft der Zukunft. Und tat- sächlich hat die US-Zeitarbeitsfirma Man- power schon heute mehr Angestellte als beispielsweise General Motors.

Konflikt zwischen Karriere und Familie – Familienförderung als Standortvorteil?

Mit zunehmender Flexibilität brechen alte Verhaltensmuster auf: Der tatsächliche Grad der Gleichberechtigung von Män- nern und Frauen wird offenbar – immer noch herrscht Aufgabenteilung nach Ge- schlecht. Aus der Zwickmühle aus Fach- kräftemangel und rückläufigen Geburten- zahlen führt nur die Erkenntnis, dass ganzheitliche Familienförderung mittler- weile ein klarer Standortvorteil ist. Der Interessenkonflikt zwischen Karriere und privatem Glück darf nicht mehr länger ein individuelles Problem sein, er rückt ins Zentrum von Politik und Personal- planung.

Für wen schlägt sich die uns abverlang- te Flexibilität tatsächlich in einem Mehr an Freiheit nieder? Für wen bedeutet sie den Verlust von beruflicher und sozialer Sicherheit? Welche Arten von Flexibilität werden heute eingefordert, und in wel- chen Berufen und gesellschaftlichen Be- reichen ist dies insbesondere der Fall? Und welche Anforderungen ergeben sich hier- aus für das Bildungssystem und für die Unternehmen?

 

2.2. Podium: Die Transformationsprozesse in Mittel- und Osteuropa

„Wir brauchen ein Europa, das für mehr Bürger besser verständlich ist. Die Men- schen müssen wissen, wo, wie und warum die Europäische Union ihr tägliches Leben beeinflusst. Vor allem müssen sie bei jedem Schritt überzeugt sein – das bedeutet: über- zeugt werden –, dass die europäische Lö- sung die für sie bessere Lösung ist.“ (Bundeskanzler Gerhard Schröder auf seiner Website)

„Nicht überall stößt die Osterweiterung auf helle Begeisterung, auch nicht in Deutschland. Deshalb müssen wir da- rüber diskutieren. Nicht über das ‚Ob‘, aber über das ‚Wie‘.“ (Ministerpräsident Edmund Stoiber am 3. Dezember 1999)

Seit dem Zusammenbruch des Real-Sozia- lismus vor 12 Jahren finden in den mittel- und osteuropäischen Ländern umfassende Transformationsprozesse statt. Neben for- malen politischen Strukturen ist eine marktwirtschaftliche Ordnung Grund- bedingung freiheitlicher Demokratien. Aber der Markt richtet nicht alles: Die an- fängliche Euphorie über die gewonnene Freiheit ist in weiten Teilen der Bevöl- kerung – nicht nur in den immer noch nicht blühenden Landschaften Ost- deutschlands, sondern auch in Mittel- und Osteuropa – der Ernüchterung gewichen.

Radikaler Wertewandel

Eine eigenständige Bevölkerung ist Grundlage sowohl der Demokratie als auch der Marktwirtschaft. Über zwei Ge- nerationen herrschte in Mittel- und Ost-

europa ein System, das den Einzelnen dem Staat unterordnete. Nun ist das Indivi- duum gefordert: In einer ökonomisch dominierten Umwelt müssen grundlegen- de Verhaltensweisen aufgegeben, soziale Beziehungen in einem neuen Kontext auf- recht erhalten werden. Wie schnell kann der Mensch radikal umlernen, wie voll- zieht sich der Wandel von Wertesystem und Kultur einer Gesellschaft?

… wo Milch und Honig fließen

Die neu gewonnene Freiheit bietet unzählige Möglichkeiten, z. B. die freie Ausbildungs- und Berufswahl und die freie Meinungsäußerung. Es wird möglich und notwendig, selbst Initiative zu ergrei- fen – ein Unternehmen zu gründen oder in einem der freien Berufe zu arbeiten. Die Kehrseite sind Arbeitslosigkeit und exi- stentielle Unsicherheit. Welche Ausgangs- bedingungen müssen für die Entfaltung von Eigenständigkeit und unternehme- rischem Handeln gegeben sein, wie kön- nen die Rahmenbedingungen angemessen gestaltet werden?

Die EU-Osterweiterung rückt immer näher, statt Aufbruchstimmung dominiert in der EU jedoch Besitzstandsdenken, das sich in der Bevölkerung z.B. in einer dif- fusen Angst vor billiger Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt äußert. Wie lässt sich eine Balance zwischen Freiheit, Solidarität und Wohlstand für die erweiterte Gemein- schaft finden? Wie kann der weitere Prozess positiv unterstützt werden, und in welchen Bereichen können die Erfahrun- gen aus dem Verlauf der deutschen Wie- dervereinigung eingebracht werden?

 

2.3. Podium: Die Freiheit des Individuums in der Konsumgesellschaft

« Liberté toujours! », „Freiheit und der Weg dorthin“, „Leben Sie. Wir kümmern uns um die Details“ – Freiheit ist an jeder Straßenecke im Familienpack zu haben. Ob Zigarette, Automobil, Handy oder Versicherung: All diese Produkte vergrö- ßern unsere Bewegungsfreiheit, vermin- dern ungewollte Risiken oder erlauben es uns, unsere Individualität auszuleben.

Nicht nur gemessen an den Werbe- botschaften spielt das Bedürfnis des west- lich sozialisierten Menschen nach Freiheit eine herausragende Rolle. Unbestritten werden viele Freiheiten durch die immen- se Warenvielfalt und den großen materiel- len Wohlstand geschaffen.

Freiheit durch Konsum …

Dennoch ist der Zusammenhang zwi- schen Freiheit und Wohlstand alles andere als eindeutig. Mitschüler, Lehrer und El- tern klagen über Konsumwut und Mar- kenfetischismus von Kindern und Jugend- lichen. In Form von Merchandising-Pro- dukten zu quasi allen im Kino laufenden Kinderfilmen und durch speziell auf Kin- der abgestimmte Werbung im Nachmit- tagsprogramm sind wir von klein auf dem Einfluss um uns konkurrierender Marke- tingabteilungen ausgesetzt.

Angesichts der dabei stattfindenden Präferenzprägung ist sehr zweifelhaft, dass unregulierte Märkte hier effizient arbeiten, und es ist fraglich, wie weit unsere Freiheit in Konsumentscheidungen tatsächlich reicht. Ist der Mensch als soziales Wesen nicht außerdem automatisch Konformi- tätszwängen ausgesetzt?

Hinzu kommt, dass aus der Freiheit zu wählen nicht selten pure Überforderung geworden ist, weil die Flut an Produkt- informationen nicht mehr zu bewältigen ist. Marken erfüllen hier die wichtige Auf- gabe, die Komplexität von Entscheidun- gen zu reduzieren, indem sie eine Fülle von Eigenschaften – ähnlich einem Güte- siegel – unter ihrem Namen subsumieren.

… oder Freiheit trotz Konums?

Selbstverständlich sind Marken heutzu- tage nicht auf diese informierende Funk- tion beschränkt, sondern dienen – beson- ders, wenn man das Logo auf Kleidungs- stücken zur Schau tragen kann – als Iden- tifikationsmittel und Statussymbol. So sehr Kritiker vor dieser Entwicklung we- gen der Gefahr der Verdummung durch Konsumfixierung auch warnen, kann sie auch wünschenswerte Nebeneffekte ha- ben: Steigende Identifikation mit den Marken, mit denen man sich schmückt, führt zu höheren moralischen Ansprü- chen, deshalb werden soziale Ungerechtig- keiten in der Produktion oder Umweltver- schmutzung durch Markenfirmen auf- merksam registriert, und man kann gerade solche Unternehmen zu hohen Umwelt- und Sozialstandards drängen.

Wie viel Werbung ist für das Funktio- nieren der Marktwirtschaft notwendig? Welche sozialen Auswirkungen hat die Werbung, die uns von Kindesbeinen an begleitet? Ist das Ausmaß an Konsum in unserer Gesellschaft ein Ausdruck von Unfreiheit? Kann und soll die Politik dar- auf reagieren?