Symposium 2001 – Mahatma Gates. Wirtschaft und Ethik – ein Widerspruch in sich?

Wirtschaft und Ethik – ein Widerspruch in sich?

In welchem Verhältnis stehen Wirtschaft, als Ausdruck strategischen Nutzenverhaltens, und Ethik, als der Inbegriff des Sittlichen, der Moral? Stellt die Ethik ein notwendiges Korrektiv für wirtschaftliche Optionen dar, wirkt sie integrativ oder komplementär? Diese Frage wird unserer Meinung nach an den Universitäten zu wenig behandelt. Daher fiel unsere Wahl für das Thema dieses ersten Symposiums auf die Frage “Wirtschaft und Ethik – ein Widerspruch in sich?”.

Zwei Aspekte möchten wir besonders hervorheben. Zum einem soll der Konflikt zwischen ethischen Lippenbekenntnissen und wirtschaftlicher Realität untersucht werden. Ist es denn tatsächlich Ethik, die von den Unternehmen “gelebt” wird?

Der Begriff Ethik steht für das Richtige, Legitime, Gerechte. Aber wird hin- ter dem Label Ethik tatsächlich derartiges implementiert?

Gerade im Bereich Unternehmenskultur spielen ethische Grundsätze eine wichtige Rolle. Viele Unternehmer haben Wege gefunden, ethisches Handeln als Leitsatz in ihr Unternehmen zu tragen – zumindest auf dem Papier: Es gibt Kodizes, die Geschäftsbeziehungen regeln, unfaire Praktiken verbieten, Beziehungen zur Öffentlichkeit und zur Politik festle- gen. In unseren Podiumsdiskussionen wollen wir feststellen, ob diese Entwicklung tatsächlich zu einem moralisch vertretbaren Verhalten in der Wirtschaft führt.

Zum anderen möchten wir uns mit der Frage der Wirtschaftlichkeit von Ethik beschäftigen. In welchen Bereichen ist Ethik tatsächlich ein Produktionsfaktor, wo gilt wirklich der Satz “Moral bringt Kapital”? Schon jetzt ist vielen Unternehmern einsichtig, dass Verzicht auf heute möglichen, aber ethisch zweifelhaften Umsatz zur langfristigen Steigerung von Marktanteilen und Gewinn führen kann. Es stellt sich die Frage, wo die Grenze für moralisch verantwortliches Handeln in Bereichen zu ziehen ist, in denen Ethik die wirtschaftliche Effizienz schmälert. Und wie kann sicher- gestellt werden, dass ethische Ziele in der Wirtschaft umgesetzt werden, wenn Moral Kosten erzeugt?

Diese Thematik soll anhand von ausgewählten Beispielen ausführlich diskutiert werden.

 

Themen

1. Podium: “Pandoras Box Genom – Sieg der Effizienz über die Ethik?”

Die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts eröffnet eine völlig neue Dimension persönlicher Informationen, die Vorhersagen über individuelle Krankheitsrisiken erlaubt. Auch wenn es sich bei den Prognosen aus- schließlich um Wahrscheinlichkeiten handelt, eröffnen sich dennoch neue Nutzungsmöglichkeiten für Wirtschaft und Staat. Hierbei stehen unter Umständen die Interessen des Individuums konträr zu denen der Wirtschaft. Es stellt sich sogar die Frage nach einem Recht auf “Nicht- Wissen” bezüglich der eigenen Zukunft.

Insbesondere privaten Krankenversicherern und Lebensversicherungen wird das Interesse unterstellt, diese sensiblen Informationen über gene- tisch bedingte Krankheitsrisiken in die Berechnung individualisierter Beitragssätze einbeziehen zu wolen. Eine Effizienzerhöhung des (privaten) Versicherungsgewerbes droht zu Lasten von Risikogruppen und Solidargemeinschaft erreicht zu werden.

Die Regierungen nehmen unterschiedliche Standpunkte ein. So befürwor- tet Großbritannien eine Nutzung dieser Informationen durch die Versicherungen, während die Schweiz oder Frankreich klar Stellung gegen eine Verwendung beziehen. Die Rechtssituation in Deutschland ist nach wie vor offen. Für den Gesetzgeber stellt sich die Frage, ob er im Zuge der Globalisierung in der Lage ist, einen noch zu definierenden Ethikstandard zu schützen. Bisher steht es Versicherungen frei, sich in Zukunft Informa- tionen durch Gentests zu beschaffen.

Weiterhin wird spekuliert, dass es Arbeitgebern von Nutzen sein könnte, Gentestergebnisse von potentiellen Arbeitnehmern im Vorhinein einzuho- len. Hier ist ein Interessenkonflikt aufgrund der Diskriminierung von Risiko- gruppen zu erwarten.

Inwiefern wirtschaftliche Interessen an der genetischen Analyse des Individuums zulässig sind und ob sie aus ethischen Gesichtspunkten tole- riert, gewünscht, oder eher abgelehnt werden sollten, soll im Rahmen die- ses Panels aus verschiedenen Perspektiven diskutiert werden.

 

1. Podium: “Ethik in der Unternehmenskultur – Der Mensch, die neue Nummer Eins?”

Das Thema der Unternehmenskultur als Produktionsfaktor erhält mit der Diskussion um die sogenannte New Economy eine neue Bedeutung. Anreize wie Mitarbeiterbeteiligungen oder Angebote zur persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung sollen die Motivation des als werttreibenden Faktor erkannten Mitarbeiters erhöhen. Durch neue Bewertungskennzif- fern und Gewinnbeteiligung werden Angestellte immer mehr zum “Unternehmer im Unternehmen”. Führt dies zur Auflösung der früher als zwingend empfundenen Interessenkollision von Kapitaleignern und Beschäftigten? Ist der verantwortungsbewusste Umgang mit den Mitarbeitern schon aus rein kapitalistischen Motiven im Interesse der Shareholder?

Es stellt sich die Frage, ob der Entwicklung zur “Vermarktlichung” der Beschäftigten als Unternehmer im Unternehmen, die selbst nur den Gesetzen des Marktes folgen, Grenzen gesetzt werden müssen. Kann ein “Intrapreneur” das Paradoxon von Kooperation (Teamarbeit) und Wettbewerb (Zielorientierung) überhaupt in sich vereinen?

Die betriebliche Mitbestimmung galt einige Zeit lang als Relikt der “Old Economy”. Doch nach und nach haben selbst einige der profiliertesten Unternehmen der “New Economy” einen Betriebsrat eingeführt. Wie wich- tig ist der partnerschaftliche Umgang, die Beteiligung an wichtigen strate- gischen Entscheidungen und die Einflussnahme der Mitarbeiter auf die Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz? Sind die traditionellen Strukturen der betrieblichen Mitbestimmung die richtigen Instrumente, um eine die Interessen der Beschäftigten berücksichtigende Unternehmenskultur zu schaffen?

Aus den vielen Fragmenten einer “Unternehmenskultur” möchten wir vor allem jene herausgreifen, die den Menschen selbst unmittelbar betreffen. Doch auch in einem allgemeineren Kontext kann der Unternehmenskultur als Essenz der ungeschriebenen Verhaltens- und Entscheidungsregeln in einem Unternehmen große Bedeutung zukommen. Stehen ethische Über- legungen hier zwangsläufig im Widerspruch zu Effizienz und Profit? Oder führt nur eine nachhaltige und ethische Ziele berücksichtigende Strategie langfristig zum Erfolg? Führt dies letztendlich zur Auflösung des Konflikts zwischen Ethik und Effizienz?

 

3. Podium: “Mergers & Acquisitions versus Unternehmenskultur – Wert oder Preis der Unternehmenskultur?”

Während sich die vergangenen zwei Jahre durch eine euphorisch getrage- ne Welle von aufsehenerregenden Fusionen und Unternehmenskäufen auszeichneten, beginnt nunmehr die Realität der Post-Merger-Integration ihre Opfer einzufordern. Studien zufolge scheitern bis zu 50 Prozent der Unternehmenszusammenschlüsse, wobei eine wesentliche Ursache in vorab unterschätzten “Cultural Misfits” zu sehen ist.

Als Kern der Post-Merger-Integration werden regelmäßig die notwendige Umsetzung von erwarteten Synergiepotentialen in den Wertschöpfungs- ketten, Strategieanpassungen in Verbindung mit veränderten organisatio- nalen Strukturen und das Zusammenführen des operativen Geschäfts her- vorgehoben. Die landläufig als weicher, langfristiger Werttreiber verstande- ne Unternehmenskultur steht hierbei vor einer Zerreißprobe. Gelingt die Gratwanderung zwischen existentiellen Ängsten der Mitarbeiter, Neuorientierung und Shareholder Value-Maximierung nicht, so werden inkompatible Subkulturen bereits kurzfristig zu Störungen des operativen Geschäfts führen. Eine erhöhte Fluktuation von Schlüsselpersonen und all- gemeine Produktivitätseinbußen führen zu negativen Auswirkungen auf Umsatz- und Gewinnaussichten des Unternehmens.

Letztlich fordert die Unternehmenskultur somit ihren Preis in barer Münze ein.