“Das deutsche Gesundheitssystem: Innovation = Fortschritt?”

“Das deutsche Gesundheitssystem: Innovation = Fortschritt?”

Wie müssen Innovationen beschaffen sein, damit durch sie tatsächlich eine Verbesserung des Gesundheitssystems erzielt wird? Fast 100 Interessierte versammelten sich am 20. Juni 2018 im Grimm-Zentrum der HU Berlin, um darüber zu diskutieren.

In Kooperation mit der Wirtschaftswissenschaftlichen Gesellschaft (WWG) der Humboldt-Universität zu Berlin organisierte das HUFW die Veranstaltung im Rahmen der Reihe “Horizonte”. Unter dem Titel “Das deutsche Gesundheitssystem: Innovation = Fortschritt?” gab es einführende Kurzvorträge und eine anschließende Podiumsdiskussion.

Prof. Dr. med Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin, hielt zu Beginn der Veranstaltung einen Einführungsvortrag in das deutsche Gesundheitssystem. Besonderer Fokus lag auf dem internationalen Vergleich von Gesundheitssystemen und der Frage, wie man deren Effektivität evaluieren kann. Ein sogenanntes Health Technology Assessment (HTA) sei notwendig, welches nicht nur Wirksamkeit, Sicherheit und Qualität von Arzneimitteln und Maßnahmen evaluiert (so wie das bei bisherigen Zulassungsverfahren der Fall ist), sondern auch Nutzen und Zusatznutzen in Relation zu anderen Interventionen berücksichtigt. Busse: “Wir brauchen Innovationen, aber solche, die tatsächlich die Gesundheit der Bevölkerung verbessern!”

Tina Taube vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA), Projektleitung Patient Access & Global Reimbursement Regulation, findet Innovation nur mit Fortschritt gleichsetzbar, wenn es verlässliche Rahmenbedingungen gebe. Dazu zähle ein nachgewiesener Nutzen für die Patienten, Preisbindung, aber auch Maßnahmen wie der Schutz von Arbeitsplätzen in der Pharmabranche. Am wichtigsten sei, die Verfügbarkeit der Arzneimittel sicherzustellen. Für die Etablierung von zukunftsfähigen Versorgungsstrukturen müssten die richtigen Anreize wie Innovationsoffenheit gegeben sein.

Michael Weller, Leiter des Stabsbereichs Politik beim GKV-Spitzenverband, stellte vier verschiedene Arten von Innovationen vor und kritisierte, dass bei dem Thema am häufigsten über Produktinnovationen, also vor allem neuere oder bessere Medikamente, geredet würde. Seiner Meinung nach sollte der Fokus jedoch mehr auf Prozessinnovationen, z.B. von Behandlungsprozessen, liegen. Wie bei Arzneimitteln sei auch hier eine Abwägung zwischen Nutzen und Finanzierbarkeit wichtig. Eine Evaluation des Zusatznutzens von Innovationen im Vergleich zum bereits bestehenden Angebot spiele für Fortschritt im Gesundheitssystem eine zentrale Rolle.

Kordula Schulz-Asche, Sprecherin für Pflege- und Altenpolitik der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag, zufolge soll eine Erhöhung der Lebensdauer von Patienten nicht auf Kosten der Lebensqualität geschehen. Diese sei allerdings schwerer messbar und werde daher oft vernachlässigt. Für eine höhere Lebensqualität von Patienten sollte zum einen höher qualifiziertes Personal eingestellt und Arzneimittelpreise niedrig gehalten werde. Zum anderen sei es wichtig, Innovationen im Pflegebereich zu unterstützen. Gerade die Digitalisierung böte viele Ansatzpunkte.

Thomas Müller, Leiter der Abteilung Arzneimittel, Medizinprodukte und Biotechnologie im Bundesministerium für Gesundheit, plädierte dafür, mehr in die Grundlagenforschung von Krankheiten wie Alzheimer zu intensivieren, um Arzneimittel auf den Markt zu bringen, welche sowohl die Lebensdauer und -qualität erheblich erhöhen. Dafür sei es wichtig, finanzielle Anreize zu schaffen (betrifft z.B. Krankheiten in Entwicklungsländern), dafür wiederum ist laut Müller ein Schutz von Patenten wichtig.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion ging es zum einen um die wichtigsten Trends im Gesundheitssystem. In diesem Kontext wurde über die Zukunft der Pflege, personalisierte Medizin sowie Digitalisierung diskutiert, wobei die Bedeutung letzterer womöglich überschätzt werde, so die Panelisten. Zum anderen tauschten sich die Redner über die Notwendigkeit von Grundlagenforschung für nutzbringende Innovationen aus. Die Referenten stimmten darin überein, dass es insbesondere im Bereich der vernachlässigten Krankheiten und Präventionsmaßnahmen noch viele offene Forschungsfragen gibt und daher gute Anreize notwendig seien.

Ein anschließender Sektempfang mit weiterführenden Diskussionen rundete das Event ab.

Dieser Artikel wurde geschrieben von:
Nicola Wiggers