„Künstliche Intelligenz – zwischen Utopie und gesellschaftlichem Risiko“

„Künstliche Intelligenz – zwischen Utopie und gesellschaftlichem Risiko“

Auf dem Panel „Künstliche Intelligenz – zwischen Utopie und gesellschaftlichen Risiko“ streiten vier Experten, warum jetzt alle über KI reden, wie Deutschland im Wettbewerb um KI bestehen kann – und ob es nicht eine stärkere Kontrolle von Facebook und Google braucht.

Professor Sarah Spiekermann-Hoff hatte das Symposium mit einem Vortrag zu ethischer Innovation eröffnet und sich einigen Fragen des Publikums gestellt. Nach einer kurzen Kaffeepause begab Sie sich gleich wieder auf die Bühne, um zusammen mit drei anderen Gästen über Künstliche Intelligenz diskutieren. Mit ihr auf dem Podium saßen Raúl Rojas, Informatikprofessor an der Freien Universität Berlin, Ushananthan Ganeshananthan, KI-Experte von KPMG und Venture Capitalist Fabian Westerheide. Die Diskussion wurde geleitet von Luca Caracciolo, dem aus Hannover angereisten Chefredakteur des Tech-Magazins t3n.

Los ging es mit der Frage, was denn künstliche Intelligenz nun überhaupt sei und warum plötzlich alle darüber redeten. Raúl Rojas stellte gleich zu Beginn klar, dass die Antwort auf die obige Frage höchst umstritten ist. Als erfahrener Hochschullehrer („des Jahres 2015“ übrigens) erläuterte er seine eher konservativ-realistische Einschätzung. Die Entwicklung Künstlicher Intelligenz bestehe hauptsächlich darin, einzelne menschliche Fähigkeiten, mit Computern auszuführen. Dabei sei momentan die Arbeit mit sogenannten „sub-symbolischen“ Systemen in Mode. Bei diesen erlernt der Computer mithilfe einer Vielzahl von Beispielen selbst Muster und Regeln, die es ihm ermöglichen z.B. in Bildern bestimmte Objekte zu erkennen. Grundsätzlich gebe es in diesem Feld allerdings ein „auf und ab“ an Methoden; mal steht diese im Fokus, mal jene. Die aktuellen Fortschritte im eigentlich schon recht alten, und bis vor kurzem eher exotischen Fach der künstlichen Intelligenz führte er auf die Fortschritte in der Herstellungen von extrem leistungsstarken Chips zurück. Sie ermöglichten, einem Computer Millionen von Beispielbildern in kürzester Zeit zu zeigen. Deshalb hält Rojas es für möglich, dass maschinelles Lernen eine Basisinnovation, sein könnte, die, ähnlich dem Telefon, Internet oder auch Auto, den Nährboden für eine ganze Reihe grundsätzlich neuer Entwicklungen bietet und tiefgreifenden Einfluss auf viele Bereiche der Gesellschaft und der Individuen haben könnte.

Zur Gretchenfrage „wie hältst du es mit der General AI“, also mit einem System, das nicht nur bestimmte, klar definierte Aufgaben auf übermenschlich schnelle und genaue Weise bewältigt, sondern über eine ganzheitliche Intelligenz – was auch immer das genau sein soll – verfügt, äußerte er sich dann aber wieder zurückhaltend. An diesem Punkt öffnet sich die Diskussion nun und sofort wird es kontrovers. Während Herr Ganesh nichts von vornherein ausschließen will, glaubt Fabian Westerheide fest daran, dass eine general AI möglich ist, nur sollten wir nicht erwarten, dass sie uns Menschen ähneln wird. Raùl Rojas hingegen hält general AI für unrealistisch.

Auf die Frage hin, wie Deutschland im internationalen Vergleich als KI-Nation dasteht gehen die meisten Antworten in eine ähnliche Richtung. Einstimmigkeit herrscht dahingehend, dass die USA, vor allem durch enorme private Investitionen und durch die „Big 4“ bzw. „GAFA“ (Google, Apple, Facebook, Amazon) und deren Verfügungsrechten über riesige Datenmengen, uneinholbar vorne lägen. An China scheiden sich die Geister; die Investitionen und Verfügbarkeit von Daten seien zwar größer als hierzulande, aber Durchbrüche in der Grundlagenforschung geschähen dort kaum.

Die eher zaghafte Herangehensweise in Deutschland wurde von den Vertretern der der freien Wirtschaft (Herr Ganesh und Fabian Westerheide) kritisiert, Sarah Spiekermann-Hoff jedoch sieht auch große Gefahren in einer zu unreflektierten Kultur des Ausprobierens von allen möglichen Geschäftsmodellen. Zu oft würden dabei ethische Fragen vernachlässigt.

In der zweiten Hälfte der Diskussion ging es um die Frage: Wie viel Arbeit wird durch KI übernommen? Laut Fabian Westerheide sei es durchaus möglich, dass KI Tätigkeiten ersetzt, er gibt aber auch zu bedenken, dass das nicht unbedingt negativ zu bewerten sei, wenn es sich dabei um unangenehme Arbeit handelt. Professor Rojas sorgt sich dagegen schon sehr um niedrigqualifizierte Arbeit und um die Mittelschicht. Dort wolle er „nichts beschönigen“. Für Hochqualifizierte werde die Nachfrage aber eher steigen, so Rojas. Als einen potenziell wichtigen Unterschied zu vergangenen technologischen Innovationen machte er die Beschleunigung von Innovationen aus, die nun nicht mehr über Generationen hinweg, sondern innerhalb weniger Jahre die Arbeitswelt entscheidend verändern könnten.

Der letzte große Block der Diskussion begann mit Gefahren durch KI und schloss letztlich mit einem kleinen Brainstorming: Wie schaffen wir eine KI-Welt, die gut für uns ist? In der Natur selbstlernender Systeme, denen keine expliziten Vorschriften gemacht werden, liegt eine gewisse Intransparenz. Diese sah Raúl Rojas in erster Linie als Sicherheitsproblem. Es gebe schlicht Bereiche wie das Justizsystem, die öffentliche Verwaltung oder die Politik, in denen intransparente Systeme nur sehr limitiert eingesetzt werden könnten, da für unsere sozialen Strukturen und Rechtssysteme persönliche Verantwortung enorm wichtig ist. Bei einem selbstlernenden KI-System sei es aber höchst unklar, wer die Verantwortung für Entscheidungen der Maschine übernehmen soll. Eine naheliegende Lösung, und da ist sich Herr Rojas mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron einig, sei es, Maschinen schlicht keine Entscheidungen wie etwa einen Urteilsspruch treffen zu lassen. Dann erübrigten sich auch Versuche, Maschinen Ethik einzuprogrammieren. Maschinen seien zwar erstaunlich gut in bestimmten klar definierten Bereichen, außerhalb aber letztlich „savante Idioten“, sagt Rojas.

Hier schaltete sich auch die Wirtschaftsethikerin Spiekermann-Hoff wieder vermehrt in den Diskurs ein. Ihrer Meinung nach sei der im Kontext der Algorithmenethik oft bemühte Utilitarismus problematisch und zu umstritten, als dass er maschinelle Entscheidungen leiten dürfe. Für Sie sei ihr Ansatz des „Value Based Design“ geeigneter. Wir sollten Wege suchen, uns von der Logik der Kapitalmärkte zu befreien, fordert die Wirtschaftsprofessorin. Facebook und Google sollten zerschlagen oder verstaatlicht werden, große Datenpools als mittlerweile kritische Infrastrukturen sollten demokratischer Kontrolle unterliegen. Ganesh versuchte an dieser Stelle etwas zu bremsen und bemerkte, dass bei Regulierung in diesen Gefilden schnell die Meinungsfreiheit gefährdet würde. Datensouveränität, also Zugriffsrechte auf und Bestimmungsrechte über die eigenen Daten sei durchaus wichtig. Mitten in die starken Meinungen hinein meldet sich Raúl Rojas und bekennt sich zur eigenen Ratlosigkeit. Mit 20 habe er noch geglaubt, zu wissen, wie alle Probleme der Welt sich lösen ließen; mittlerweile wisse er weder ein noch aus. Die Kartellgesetze böten gewisse Potenzial, aber auch dabei könnten sich einzelne Staaten keine Alleingänge erlauben, ohne Risiko zu laufen, abgehängt zu werden. Auch Fabian Westerheide präsentierte dem Publikum gegen Ende der Veranstaltung noch einige starke Thesen. Ja, es gebe große Risiken; ja, eine gewisse gesellschaftliche Kontrolle sei nötig; ja es brauche einen Plan und eventuell sogar eine Algorithmensteuer; aber es sollte doch bedacht werden, dass die Chancen enorm seien. Mit genügend Investitionen stehe uns eine fantastische Zukunft bevor. Künstliche Intelligenz, womit er general AI meinte, könnte die letzte Innovation der Menschheit sein. Von da an werde vieles wie von selbst laufen. Wir könnten nie dagewesenen Wohlstand erreichen und sogar „aus der Simulation ausbrechen“ und auf eine Zukunft á la Ray Kurzweil hoffen. So schlich sich also zum Abschluss der vielfältigen Einstiegsdiskussion noch ein Hauch derjenigen “Silicon Valley Science-Fiction” in den Raum, die Sarah Spiekermann-Hoff in ihrem Eröffnungsvortrag so scharf kritisiert hatte. Diese ließ sich dann auch eine kurze Replik nicht nehmen, baute aber augenzwinkernd darauf, dass das Publikum sich noch an ihren Vortrag erinnerte. Zu einer längeren Auseinandersetzung kam es daher nicht mehr.

Dieser Artikel wurde geschrieben von:
Valentin Baumann